Auch heute noch gibt es diese Asymmetrien, aber könnte es nicht sein, dass sie sich tatsächlich zu- gunsten des Ostens verschoben haben? Oder zumindest zugunsten einer völlig neuen Konstellation, die sich nicht mehr so nahtlos auf BRD und DDR reduzieren lässt?

Der Angeber-Wessi und der Jammer-Ossi waren keineswegs empiriefreie Fiktionen. Aber es waren doch höchst kurzfristige Rollenzuschreibungen, denn der Triumph des Angeber-Wessis währte nicht lange. Allzu selbstgefällig und bequem, galt er bald als kranker Mann Europas: Veränderungsunfähig, besitzstandswahrend und unflexibel, musste er schließlich durch geharnischte Reformandrohungen nicht zuletzt einer ostdeutschen Kanzlerin auf Trab gebracht werden. Während umgekehrt der angebliche Jammer-Ossi sich dem Veränderungsdruck ohnehin nicht entziehen konnte und so – zumindest idealtypisch – zum Transformationskünstler wurde, der zwei ganz unterschiedliche Erfahrungs- und Wertehorizonte in seiner Biografie unter einen Hut brachte – ein echtes Flexibilitätsvorbild. Der Ostdeutsche als Avantgarde – so hat es der Soziologe Wolfgang Engler nicht ganz zu Unrecht genannt.

Natürlich haben Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern noch immer die höhere Arbeitslosenrate, und viele ostdeutsche Regionen sind demografisch überaltert und verödet. (Wobei diese Gegenden auch traditionell strukturschwache Regionen waren.) Trotzdem sieht die mentale Landkarte Deutschlands mittlerweile anders aus. Was für die kulturelle Selbstachtung zum Beispiel wirklich zählt, ist der Städte-Stolz, und da sind die ostdeutschen Städte längst an den westdeutschen vorbeigezogen. Von Weimar bis Greifswald, von Erfurt bis Schwerin, von Dresden bis Potsdam: Die schönsten deutschen Städte stehen im Osten.

Die DDR, die für den Modernisierungsfuror der BRD stets zu klamm war, wirkt so im Rückblick wie eine heilsame Mumifizierung: Hier blieb erhalten, was die westliche Moderne fortschrittswütig nicht dulden wollte. Und dann ging die DDR zum Glück gerade noch rechtzeitig unter, damit die alte Bausubstanz von den Transfers des Aufbaus Ost wieder zu neuem Leben erweckt werden konnte. Seither reist der geschichtsbewusste, gesamtdeutsche Patriot lieber nach Stralsund als nach Pforzheim, lieber nach Görlitz als nach Stuttgart. Weshalb die Redeweise von den "neuen Ländern" fast grotesk wirkt: Verglichen mit Nordrhein-Westfalen ist Sachsen ein Musterbeispiel an Altehrwürdigkeit.

Überhaupt bilden sich völlig neue Koalitionen, die quer stehen zur alten Ost-West-Opposition. Diese neuen Allianzen haben, wenn nicht alles trügt, etwas mit dem bereits erwähnten Museumscharakter der DDR zu tun, und zwar in einem sehr grundlegenden Sinn. Deutschland hat mit der Wiedervereinigung an historischer Tiefe gewonnen. Die Überbleibsel der DDR wirken oft, als wäre man auf einer Zeitreise in ein Deutschland vor 1933. Es ist dabei ein Anachronismus am Werk, für den die vergangenheitsselige Gegenwart sehr empfänglich ist.

So haben in der DDR zum Teil deutsche Traditionen überwintert, die in der kulturell säkularisierten Bundesrepublik über Bord geworfen worden waren. Wer in der BRD als altfränkisch und ewiggestrig galt, darf jetzt wieder aufatmen. Die DDR war ja mindestens so preußisch wie sozialistisch. Und sie bewahrte auch eine Form des strengen Bildungsbürgertums und der Klassikerpflege, wie es sie in der kanonkritischen BRD kaum mehr gab. Der Erfolg von Uwe Tellkamps großartigem Roman Der Turm hat auch mit seiner Rehabilitierung des ostdeutschen Bildungsbürgertums unter Bedingungen der Mangelwirtschaft zu tun. Und auch die Rolle der Kirchenmusik, die für die DDR irgendwo zwischen Nische und Dissidenz so prägend war, trägt zu diesem Eindruck bei: Man hatte ja gelegentlich das Gefühl, dass Johann Sebastian Bach in Wahrheit ein DDR-Komponist war.

Kurzum: Das neue Deutschland schließt in mancherlei Hinsicht freudig an kulturelle Traditionen an, die in der DDR viel lebendiger geblieben sind als im Westen.