Die Generation Berlin verbringt ihre Wochenenden längst auf den Spuren der alten DDR-Boheme in den Datschen Brandenburgs – als Botho Strauß sich, bereits in den frühen neunziger Jahren, ein Haus in der Uckermark baute, war er auch darin konservative Avantgarde.

Es ist dies natürlich eine zwiespältige Bewegung: Gerade mit Blick auf Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern könnte man zugespitzt von einer Refeudalisierung sprechen, die Züge kolonialer Landnahme trägt: Zwischen Müritz und Oder ertönen wieder Freilichtkonzerte in herausgeputzten Herrenschlossparks, zu denen durch Einladungskarten mit Fontane-Zitat gebeten wurde… Ingo Schulze hat in seinem Roman Neue Leben diese Tendenz sehr bissig auf den Punkt gebracht, indem er im Altenburg des Jahres 1990 einen höchst windigen Operetten-Aristokraten als Aufbauhelfer Ost auftreten lässt, der die ganze Zeit wie Johannes der Täufer die rettende Ankunft des Erbprinzen den erwartungsvollen Altenburgern verheißt.

Doch der sensibelste gesellschaftliche Seismograf ist stets die Schulwahl. Auch hier gibt es interessante gesellschaftlich-chemische Reaktionen, wo fremde Elemente überraschend neue Verbindungen eingehen: In Berlin kann man beobachten, wie die Karriere-Bourgeoisie West ihre Kinder, wenn bei den Jesuiten kein Platz mehr frei ist, nach Pankow auf die ehemalige Kaderschule Ost schickt: Hauptsache, Disziplin und Leistungsethos (dafür nimmt man dann in Kauf, dass die Kleinen sehr eigenwillige Geschichtsstunden zu hören kriegen…).

Und ein weiteres eminentes Zeichen für die neuen Allianzen war die bemerkenswerte Debatte über die Umgestaltung von Richard Paulicks Staatsoper unter den Linden in Berlin 2008, weil hier erstmals im Zeichen des sozialistischen Klassizismus PDS und CDU unter einem Banner kämpften – was beiden Seiten keineswegs nur geheuer war.

Sind alle diese Beispiele lediglich kultureller Überbau? Vielleicht. Aber dessen Wirkungsmacht sollte man nicht unterschätzen. Das Deutschland des Jahres 2009 unterscheidet sich nämlich in vielen Aspekten längst mehr von Nord nach Süd als von Ost nach West. Welch glückliches Land, das so kraftvoll durcheinandergeschüttelt worden ist!