Die deutsche Geschichte ist keine schöne Skulptur. Die Geschichte ist ein gusseiserner Adler mit scharfen Krallen, er hockt auf einem Brückengeländer an der Spree und wacht grimmig über Berlin. In der Ballade vom preußischen Ikarus hat Wolf Biermann beschrieben, wie der hässliche Vogel zum Leben erwacht und den armen Liedermacher übers Geländer zerrt: "Dann bin ich der preußische Ikarus / mit grauen Flügeln aus Eisenguß!" Biermann besingt in seinem spöttischen Vaterlandslied den Aufstieg und Fall der Nation. Sein Adler verkörpert das Albtraumhafte unserer Vergangenheit, die bleibende Angst, dass wir uns selber in einen Totenvogel verwandeln.

Diese Angst sollen die Deutschen nun mithilfe eines Denkmals überwinden. In der wiedervereinten Republik darf Geschichte nicht mehr Menetekel der Gegenwart sein. Wir wollen die Scham und die Trauer vergessen, wie sie sich im Holocaust-Mahnmal ausdrückten. An das Gelungene erinnern: Darin besteht der Sinn des geplanten "Freiheits- und Einheitsdenkmals". Ein positives Geschichtszeichen setzen: Darauf beharrt die Bundesregierung auch nach dem Scheitern des ersten Gestaltungswettbewerbs. Vergangene Woche hat sie einen neuen Wettbewerb ausgelobt, mit modifizierten Vorgaben, doch unverändertem Kern. Es geht um politische Mythenbildung nach der friedlichen Revolution von 1989. Es geht um eine Heldenerzählung, die den leeren Platz vorm Humboldt-Forum füllen soll. An die Stelle unseres brüchigen Nationalbewusstseins, das durch die Erfahrung des Faschismus erschüttert wurde und durch die sozialistische Diktatur belastet ist, soll nun der erneuerte Mut zu nationaler Symbolik treten. Aber ist das wünschenswert? Hat nicht gerade die Infragestellung patriotischer Traditionen seit 1945 identitätsstiftend gewirkt? Das Ende der Selbstherrlichkeit war der Anfang dessen, was Jürgen Habermas unsere "wiedergewonnene Selbstachtung" nennt.

Ein gelungenes Denkmal kann deshalb nur das Gegenteil von Deutschtümelei sein. Es kann kein staatslegitimatorisches Jubeldenkmal sein. Es muss ein distanziertes Verhältnis zu sich selbst entwickeln und darf dem Betrachter die Erinnerungsarbeit nicht abnehmen. Das Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden gelang, weil seine Erbauer auf einen kritischen historischen Befund zielten. Ob ein affirmativer Befund überhaupt denkmalfähig ist, haben viele Teilnehmer des ersten Wettbewerbs bezweifelt. Die berühmte Banane der Einheit, die wie ein gigantisches gelbes Ufo vor dem Stadtschloss geparkt wurde, um die freie Sicht auf die Barockfassade zu verstellen und den Effekt der brandenburgisch-preußischen Repräsentationskunst zu schmälern, war eine klare Botschaft an den Auftraggeber: Selbstfeier kann peinlich sein. Ob die Botschaft ankam? Es hat sich bis heute jedenfalls niemand gebührend bedankt.

Mit verkniffener Miene präsentierte man Anfang Mai die missliebigen ersten Entwürfe, kein Politiker und kein Jurymitglied machte sich die Mühe, sie einzeln zu bewerten. An dem Abend, als der Kulturstaatsminister verkündete, die Jury hätte unter gut 500 Entwürfen nichts Prämienwürdiges gefunden, vermied er jeden inhaltlichen, ästhetischen oder gar geschichtspolitischen Kommentar. In den folgenden Wochen, während die Entwürfe im Kronprinzenpalais hingen, gab es dort kein Podium mit beteiligten Künstlern. Die Deutsche Gesellschaft, die die Denkmalidee ursprünglich hatte, organisierte zwar mit ihren begrenzten Mitteln ein paar kleine Gesprächsrunden in verschiedenen Städten. Doch beim großen Berliner Geschichtsforum Ende Mai, als alle wichtigen erinnerungspolitischen Streitfragen der Nachwendezeit noch einmal auf den Tisch kamen, blieben im Kronprinzenpalais die Ausstellungsbesucher unter sich.

Ein schwacher Trost, dass Wolf Biermann am letzten Tag des Geschichtsforums sein Adlerlied sang. In der Mitte Berlins, zwischen Gendarmenmarkt und Museumsinsel, zwischen poliertem Reiterstandbild des Alten Fritz und verschwundenem Reiterstandbild Wilhelms I., zwischen Lindenoper und abgerissenem Palast der Republik, also dort, wo das geteiltvereinte Deutschland am deutschesten ist, saß ein schnurrbärtiger Mann und schmetterte eine denkmalstürmerische Preußenhymne. Es war ein ironischer Abgesang auf die nationalstolze Befreiungseuphorie des 19. Jahrhunderts, aber auch auf die heutigen Freiheitseinheitsrufer vom Dienst. Hätten sie Biermann erlebt, wären sie vielleicht ins Grübeln gekommen, ob Freiheit und Einheit dasselbe sind. Ob beides notwendig zusammenhängt. Ob man 1989 und 1990 in denselben Klotz pressen muss. Dann hätten sie vielleicht nicht die absurde neue Wettbewerbsidee ausgebrütet, die "künstlerische Gestaltungsaufgabe" zu vereinfachen, indem sie den Künstlern raten, auf einen Leipzig-Bezug zu verzichten. Die Begründung: Leipzig und Berlin bekämen jeweils ein eigenes Denkmal. Der Irrtum: 1989 wäre ohne die Leipziger Montagsdemos denkbar.

Die Nation will sich selbst ein Denkmal setzen. Aber was ist heute noch Nation? Das ist den Denkmalfreunden unklarer denn je. Ein Staatsauftrag wurde erteilt, doch ohne seinen Sinn vorsorglich infrage zu stellen: Was heißt staatliche Einheit bei gefühlter Uneinigkeit und sozialer Zerrissenheit? Die Auftraggeber predigen jetzt den Verzicht auf allzu komplizierte Bezüge zum 19. Jahrhundert und die Beschränkung auf die Wendezeit, als wäre das problemlos möglich: Kann man die friedlich errungene Wiedervereinigung unter Kohl loslösen von der blutig ertrotzten Reichseinigung unter Bismarck? Kann man deutsche Freiheitsträume darstellen, ohne sich bewusst zu sein, wie untrennbar sie einst mit Expansionsgelüsten verbunden waren? Es bleibt in einem Nationaldenkmal die ältere Geschichte der Nation leider unhintergehbar. Zudem bleibt ein Widerspruch zwischen der Einheit als politischer und der Freiheit als existenzieller Kategorie. So dekretiert der Staat abermals einen widersprüchlichen Auftrag, der eigentlich unerfüllbar ist. Wieder wird es gehen wie bei der ersten Ausschreibung, als die Hilflosigkeit mancher Kunstwerke aus der Hilflosigkeit des Auftrags resultierte. Einige Künstler wehrten sich allerdings mit Humor. Sie erfanden ein Ei der Einheit und einen Runden Tisch in Ohrlandschaft, frei laufende Pferde anstelle des berittenen Kaisers und demonstrierende Schlümpfe auf dem Renommierplatz der Republik.

Man kann aus den gescheiterten Entwürfen vor allem lernen, welche Formen des Gedenkens nicht mehr möglich sind. Früher waren nationale Mythen Gegenmythen. Ihre Verkörperungen – etwa das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig und das Barbarossadenkmal auf dem Kyffhäuser, die Walhalla nahe Regensburg und der Arminius im Teutoburger Wald – waren kriegerisch, ja revanchistisch. Sie kamen gern mit erhobenem Schwert daher. Sie wirkten trutzig und teutonisch. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat gezeigt, dass noch die Gründungsmythen des geteilten Deutschlands nach 1945 ihre Kraft daraus bezogen, das Selbstbewusstsein der Gegenseite zu unterminieren. Hüben fühlte man sich als Verfassungspatriot, drüben als Antifaschist. Solche Gegensätze lassen sich nicht in einer Einheitsfeier auflösen. Wer sie anzuerkennen bereit ist, gerät bei der künstlerischen Umsetzung ins Satirische oder Dekonstruktivistische. Wer sie ignoriert, driftet in klischeehaften Heroismus oder ins beliebig Unheroische ab. Kein Wunder, dass viel Amorphes unter den Denkmalsentwürfen war. Viel Kugel und viel Endlosschleife. Dazu Busbahnhofsüberdachungen und die unvermeidlichen Stelen. Man erkannte immer wieder leitende Bauprinzipien wie den Aussichtsturm, den Eispavillon, den Verkehrsgarten, den Scherbenhaufen, die Kerze und das Fahnenmonument. Besonders hübsch war der Rekurs auf die deutsche Eiche als Ausdruck eines naturromantischen Freiheitsideals. Wirklich überzeugend waren verschiedene Entwürfe für einen begehbaren Informationsort, weil sie eine intellektuelle Form des Gedenkens ermöglichten, statt nur den Gefühlsausnahmezustand zu organisieren. Leider hat man jetzt den Informationsanspruch aus dem Wettbewerb gestrichen.