Vor einem Jahr war Stefan Maurer am Ende. Auf seinem Küchentisch stapelten sich Briefe von der Bank, die er nicht mehr zu öffnen wagte. Und jedes Mal, wenn es an der Tür klingelte, hatte er Angst, dass es der Gerichtsvollzieher ist. "Das hat mir enorm zugesetzt. Aber anstatt etwas zu ändern, habe ich lieber den Kopf in den Sand gesteckt", sagt der 52-jährige Versicherungsmakler, der sich noch immer schämt und nicht mit seinem richtigen Namen in der Zeitung stehen will. Hätte er sich nicht professionelle Hilfe geholt, sagt er heute, wäre sein Haus wahrscheinlich zwangsversteigert worden.

Dabei war die Immobilie als Altersvorsorge gedacht. Die Raten, so hatte er sich das ausgerechnet, ließen sich über die Mieteinnahmen finanzieren. Und später würde das Haus dann ihm gehören. Doch es kam anders. Anfang 2007 bildete sich Schimmel an den Wänden. Kurz darauf zogen die Mieter aus – und Stefan Maurer wusste nicht mehr, wie er seinen Kredit über 125.000 Euro noch bedienen sollte. Die Bank drohte schnell mit Vollstreckung. Ein Vorgehen, das Carmen Hoffmann, Schuldnerberaterin bei der Verbraucherzentrale Sachsen, bekannt ist: "Bei Zahlungsproblemen wollen die Banken ihre Sicherheiten meist so zügig wie möglich verwerten."

Für die Schuldner ist es nicht leicht, Hilfe zu bekommen. Die anerkannten Beratungsstellen sind hoffnungslos überlaufen. Auf einen Termin wartet man hier meist mehrere Monate. Häufig ist der Schuldner bankrott, bevor er an der Reihe ist. Im ersten Halbjahr 2009 nahmen die privaten Pleiten gegenüber dem Vorjahreszeitraum um vier Prozent zu. Und das ist wohl erst der Anfang: "Verbraucherinsolvenzen folgen der Krise zeitverzögert um etwa ein Jahr. Die große Pleitewelle steht also noch bevor", sagt Michael Bretz, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung bei der Wirtschaftsauskunftsdatei Creditreform. Er erwartet für 2009 einen Anstieg der Privatinsolvenzen um 50 Prozent auf 145.000 Fälle.

Stefan Maurer konnte seine Insolvenz gerade noch abwenden. Ein befreundeter Notar wies ihn auf den Wirtschaftsmediator Ulli Engelmann hin. Der ehemalige Direktor einer Hypothekenbank versucht bei Bankkonflikten als möglichst neutraler Moderator einen Kompromiss zu finden. Ohne Fachkenntnisse, sagt er, gehe das nicht: "Als Mediator sollte man unvoreingenommen an einen Konflikt herangehen, aber wenn man die Sprache der Banker nicht spricht, wird man gar nicht ernst genommen."

Am Ende war die Bank mit 25.000 anstatt 125.000 Euro zufrieden

Engelmann schrieb die Bank an und brachte die Parteien so wieder an den Verhandlungstisch. Anschließend habe er beide Seiten dazu bewegt, sich nicht mit formalen Ansprüchen aufzuhalten. Am Ende verzichtete die Bank auf die Vollstreckung und gab sich mit 25.000 Euro der ursprünglich geforderten 125.000 Euro zufrieden. Das war mehr, als sie bei einer Zwangsversteigerung des feuchten und maroden Hauses bekommen hätte. Für Stefan Maurer war es eine Summe, die er dank Freunden und Verwandten gerade noch aufbringen konnte.

Viele Firmen in Deutschland lösen Konflikte mittlerweile mithilfe eines Wirtschaftsmediators – unter ihnen auch SAP, Siemens, E.on und Audi. Sie berichten von hohen Erfolgsquoten zwischen 70 und 80 Prozent. Doch bei Konflikten zwischen Banken und Schuldnern ist der Einsatz professioneller Vermittler die absolute Ausnahme. Eucon, einer der größten Verbände für Wirtschaftsmediation, weist nur ein Dutzend Vermittler aus, die bei Insolvenzen tätig werden.

Auch Verbraucherschützer haben bislang kaum Erfahrungen mit Mediatoren, die zwischen Banken und Schuldnern vermitteln. Grundsätzlich aber findet Markus Saller, Justiziar bei der Verbraucherzentrale Bayern, den Ansatz richtig. "Die Vollstreckung ist für den Schuldner fast immer das Schlimmste. Insofern sind Alternativen, die auf Verhandlungen setzten, erst einmal begrüßenswert." Allerdings rät er zur Vorsicht. Denn Wirtschaftsmediator kann sich in Deutschland jeder nennen. Viele Schuldnerberater versuchen, die Not der Betroffenen auszunutzen.