Ein zweiter Grund führt ebenfalls zur Unterschätzung des Verbrauchs. Zahlreiche Stromverbraucher im Auto bleiben unberücksichtigt. So sind Klimaanlagen, die bei hohen Außentemperaturen den Kraftstoffverbrauch bis zu 30 Prozent hochtreiben, beim Test auszuschalten. Weitere Stromverbraucher wie Licht, Scheibenwischer, elektrische Fensterheber, Türöffner, Sitzversteller, Schiebedächer, Sitzheizungen oder Infotainment werden beim NEFZ-Test auch ignoriert. Sie alle jagen also den Treibstoffverbrauch hoch, ohne dass es sich in den Verbrauchsangaben niederschlägt.

Sind alle Anlagen eingeschaltet, kann der Stromverbrauch bis zu fünf Kilowatt steigen. Das sind bis zu fünf Liter mehr Sprit auf 100 Kilometern. Da die Zahl der Extras in den Neuwagen ständig steigt, driften Verbrauchsangabe und Realität kontinuierlich auseinander. Besonders schädlich: Weil zusätzlicher Strom nicht in der Verbrauchsangabe erscheint, fällt er auch bei der Berechnung des CO₂-Ausstoßes unter den Tisch. Folglich wird dies weder bei den EU-Grenzwerten noch bei der neuen Kfz-Steuer berücksichtigt. Der Anreiz zur Entwicklung und Vermarktung energiesparender Extras wird gekappt.

Als Drittes schlägt das Fahrzeuggewicht zu Buche, das mit jedem Extra im Auto steigt. Breite Reifen, Ledersitze, Mittelarmlehnen, elektrische Sitzversteller, Tür- und Kofferraumöffner, Schiebedächer, Holzzierteile, Lautsprecher, Navis, Sportpakete, all das bringt Zusatzgewicht ins Fahrzeug. Als Daumenregel gilt dabei: 100 Kilogramm Gewicht verursachen 0,4 Liter Mehrverbrauch auf 100 Kilometer. Dank Extras kann das Gewicht um bis zu 150 Kilogramm steigen.

Die Abweichungen der Verbrauchsangaben gegenüber dem Alltag sind signifikant. Das Messverfahren ignoriert den Verbraucherschutz und hat gravierende Folgen für den Klimaschutz. Der in der Auswertung der 188 Fahrzeugtests ermittelte Mehrverbrauch von 2,4 Litern entspricht einem zusätzlichen CO₂-Ausstoß von 58 Gramm pro Kilometer.

Nun sollen von 2012 an nach den Plänen der EU Neuwagen im Schnitt nicht mehr als 120 Gramm CO₂ pro Kilometer ausstoßen. Da ein mit 120 Gramm CO₂ gemessener Neuwagen in der Realität aber im Schnitt 178 Gramm CO₂ verbraucht, hebelt die EU mit den Messvorgaben ihre eigenen Klimaziele aus. Zusätzlich wird wegen der geschönten CO₂-Bilanz die Vermarktung von Elektroautos benachteiligt. Die realitätsferne Bangemann-Richtlinie muss also zügig überarbeitet werden und gehört in die Hände des Verbraucherschutz- und Umweltkommissars. Sonst wird der Bock zum Gärtner.

Ferdinand Dudenhöffer ist Professor für Betriebswirtschaft und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen