Einst galt: Vaterschaft ist bestreitbar, Mutterschaft bezeugbar. Das lateinische Rechtssprichwort Mater semper certa est ("Die Mutter ist immer sicher") bezog sich auf den aus juristischer Sicht bequemen Umstand, dass Frauen qua ihrer weithin sichtbaren Schwangerschaft und der Geburt eines Kindes ihre Mutterschaft zweifellos unter Beweis stellen konnten. Vaterschaft aber war immer unsicher, die Erinnerung an eine stürmische Nacht kein hinreichender Beweis für die Zeugung. Wer weiß schon, welcher Nebenbuhler tags zuvor gefühlsverwirrt empfangen wurde.

Gemeinhin glauben Männer nur zu gern, der leibliche Vater zu sein – trotz der Möglichkeit, einen Gentest durchführen zu lassen. Sie vertrauen ihrer Frau, verlassen sich auf deren Treue und damit auf etwas arg Unzuverlässiges und Schwankendes: die Liebe. Seit je hat die Frau gegenüber dem Mann also einen Wissensvorsprung. Manchmal weiß sie zwar nicht so genau, von wem das Kind stammt. Doch weiß sie gewiss, dass sie ein Elternteil ist. Fand keine biologische Zeugung statt, spricht man von einem Wunder. Auf einem solchen fußt das Christentum.

Allerlei wird derzeit spekuliert über Michael Jacksons Ehe mit Debbie Rowe. Es heißt, nicht der Popstar, sondern sein früherer Hautarzt Arnold Klein sei der biologische Vater der Kinder Prince Michael, 12, und Paris, 11. Selbst die Vermutung, Rowe habe nur fremde befruchtete Eizellen ausgetragen, steht im Raum. Rowe wiederum soll, was sie später dementierte, gesagt haben, nicht Michael Jackson sei der Vater, sondern ein anonymer Samenspender. Ihre Ehe mit Jackson sei nur arrangiert gewesen.

Nun ahnen wir schon lange, dass manche prominente Liaison aus Imagegründen und nicht aufgrund hehrer Gefühle geschlossen wurde: Madonna schmückte sich mit einem jungen Geliebten, ein feiner Schachzug, so ließe sich vermuten, um nach der Scheidung von Guy Ritchie ihre ungebrochene Attraktivität zu bezeugen. Was dem heutigen Bürger, der zu großer Gefühligkeit neigt, ein Gräuel ist, die Vernunftehe, scheint unter Pop- und Filmgrößen durchaus üblich – zu sehr zehren sie (wie einst nur Adlige) vom Schein ihrer Existenz. Nicht auf die Liebe, sondern auf deren öffentlichkeitswirksame Inszenierung kommt es an.

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Wer in solchen Verbindungen der leibliche Vater, die leibliche Mutter ist, spielt – anders als beim gemeinen Volk – keine Rolle, solange alle Beteiligten vom Spiel mit der Lüge profitieren. Erst im Todesfall, wenn Erbschaftsstreitigkeiten ausgefochten werden müssen, kommen Vater- und Mutterschaft wieder ins Spiel. Sie heute durch Gentests zweifelsfrei klären zu können schränkt die quasimonarchische Lebensform von Prominenten, ihr Imperium der Künstlichkeit, ein.