Mein Fahrrad nimmt mich mit nach Amerika, das ist nett, wir fliegen zusammen nach Kalifornien. Lufthansa verlangt schockierende 300 Euro fürs Rad – aber gut. Es soll ja auch eine tragende Rolle spielen im geplanten Roadmovie. Das Fahrrad wird der Star sein, Allüren eingeschlossen. Die fangen schon damit an, dass am Flughafen von San Francisco der Star verschwunden ist.

Auf diese Radtour bin ich gespannt wie auf das Remake eines Lieblingsfilms. Der Highway 1 an der kalifornischen Küste, mehr als 1000 Kilometer von den dunklen Baumkathedralen im Norden bis zu den Glitzerstränden bei Los Angeles: Beim ersten Mal war ich in dieser Sehnsuchtssphäre mit dem VW-Bus unterwegs. Westfalia. Hubdach, Vorhänge, Peace-Zeichen. Woodstock war gerade zwei Jahre her. Junger Mensch, siegessicher, gondelt im Wohnbus monatelang an der Westküste herum – der Klassiker. California dreamin. Seither komme ich nach Kalifornien zurück wie zu einer restsüßen alten Liebe.

Dass nun am Flughafen mein Fahrrad fehlt, ist vielleicht der nötige Wirklichkeitsschock. Ich renne von Schalter zu Schalter, schließlich wird ein Protokoll aufgenommen. "Rufen Sie morgen an. Das Rad könnte noch auftauchen. Its possible ." Und wenn nicht? Mein Tourenrad ist 15 Jahre alt, hoch und lang, robust und speziell für Großgewachsene gebaut – ich hatte gute Gründe, mein eigenes Rad mitzubringen. Am nächsten Tag: keine Spur davon. Mein hohes schwarzes Ross ist gestohlen worden, was denn sonst. Über San Francisco liegt kalter Nebel.

Aber warm ist die Hilfsbereitschaft der ausgeprägten örtlichen Fahrradszene. Auf der Suche nach Ersatz lerne ich in den nächsten zwei Tagen Perspektiven und Personen kennen, die im Autoland USA einigermaßen überraschen. Zum Beispiel den Kfz-Mechaniker Angus: Er besitzt in Berkeley eine Autowerkstatt, aber kein Auto, stattdessen ein sehr altes Rennrad und viel Zweiradwissen; Angus rät mir für die geplante Langstrecke dringend von einem kommerziellen Leihrad ab. Er verweist mich an seinen Freund Hiroshi: Dessen Fahrrad-"Studio" wirkt wie eine Mischung aus buddhistischem Andachtsraum und Kunstgalerie; Hiroshi könnte mir, vielleicht, mittelfristig, nicht unter 4000 Dollar, etwas Passendes bauen. Fat Dog, ein Mann, der sich selbst so nennt, handelt in Berkeley mit gebrauchten Gitarren und restaurierten Sperrmüllrädern; fraglich, ob da für mich etwas dabei ist.

Am Morgen des dritten Tages hält vor dem Haus meiner privaten Gastgeberin ein schwarzer Lieferwagen. Ein Schrei des Entzückens – meiner impulsiven Gastgeberin – gellt durch die stille Wohnstraße: Der Fahrer kommt vom Flughafen, er hat ein Fahrrad abzuliefern. Keine Erklärung, keine Entschuldigung, er ist bloß der Fahrer. Wenige Stunden später bin ich im Leihauto unterwegs nach Norden. Auf dem Heckträger wippt ungeduldig, um nicht zu sagen zickig, das Rad.

Der Anfang des Highway 1 liegt knapp 400 Kilometer nördlich von San Francisco, in dem kleinen Walddorf Leggett, wo sich One vom großen Durchgangs-Freeway 101 – One-o-one – abspaltet. Weitere 300 Kilometer nördlich verläuft die Grenze zwischen Kalifornien und Oregon, von dort sind es noch einmal fast 900 Kilometer bis Kanada. Der ganze Pacific Coast Highway vom kanadischen Vancouver bis zur mexikanischen Grenze ist 3000 Kilometer lang – alljährlich fahren nicht wenige Radler die gesamte Strecke, sie brauchen im Schnitt sechs Wochen. Auf dem kalifornischen Teilstück schneidet One-o-one meistens schnell und gerade durchs Inland, One folgt kurvig jeder Bucht und Klippe der Küste. Es ist ein Sonntag im Frühsommer, halb zwei Uhr mittags, sonnig und kühl. Die fünf Packtaschen sind befestigt, je zwei am Vorder- und Hinterrad, auf dem Gepäckträger der Sack mit dem Zeltzeug. Helm auf. Durchatmen.

Der Highway 1 fällt in Leggett gleichsam als Sturzgeburt sofort nach der Abzweigung in ein waldiges Tal hinunter. Enge Kurven, schmale Trasse. Die Gepäcklast schiebt ungewohnt und verändert das Balancegefühl, Rad und Fahrer schwanken. Von der Talsohle geht es gleich wieder hinauf zur höchsten Erhebung der ganzen Küstenstraße, dem Leggett Hill auf 700 Metern. Manche tall tales von Radlern raunen vom killer hill , den weggeworfener Ausrüstungsballast und die Gräber Kollabierter säumen. Das ist ein bisschen übertrieben. Aber bei neun Prozent Steigung auf sechs Kilometer Länge frage ich mich bald: Ist das wirklich schon mein kleinster Berggang? Bis zum Scheitel von Leggett Hill brauche ich eine volle Stunde. Bei dem Tempo wird es Weihnachten bis zur Ankunft in L.A.