Schriftliche Zeugnisse von der Hand Vincent van Goghs sind rar – und bei Sammlern begehrt. Zwar ist bekannt, wie ungeheuer viele Briefe der Maler im Laufe seines 37-jährigen Lebens schrieb. Die meisten aber sind heute im Besitz des Amsterdamer Van Gogh Museums. So ist es ein Zufall, dass in diesem Sommer gleich zwei Antiquare in Deutschland und England echte kleine Van-Gogh-Manuskripte anbieten können. Die beiden Fragmente stammen aus einem Poesiealbum van Goghs, das irgendwann zerschnitten wurde.

Zwischen Juli und November 1876 hatte der spätere Maler, der damals noch Lehrer werden wollte, in Isleworth bei London für Annie Slade-Jones Bibelstellen, Psalmen, Gedichte und Prosastücke in Niederländisch, Englisch, Deutsch und Französisch abgeschrieben – in ein in Saffian gebundenes Gästebuch der Ehefrau des Methodistenpredigers Thomas Slade-Jones. Bei ihm absolvierte der 23-jährige van Gogh damals eine Art Praktikum.

Gleich sechs Seiten füllte der Niederländer mit insgesamt 15 Textstücken, darunter dem Abendlied vom Turme von Friedrich Rückert, vor allem aber mit Besinnungstexten und der alten Methodistenhymne Tell me the Old, Old Story der evangelikalen Clapham-Sekte. Van Goghs Einträge sind die Zeugnisse eines Suchenden, der noch als Buchhändler, Theologiestudent und Hilfsprediger scheitern sollte, bevor er sich 1880 entschied, Maler zu werden.

Das Album, das er in England zurückließ, muss irgendwann nach 1980 zerschnitten worden sein – und zwar aus Profitgier. Im November 1977 wollten Mitglieder der Familie Slade-Jones das Album zum ersten Mal versteigern lassen, aber es fand keinen Interessenten. Zweieinhalb Jahre später wurde es dann dem Antiquar John Wilson aus Cheltenham bei Oxford zugeschlagen – für gerade einmal 550 Pfund. 1991 tauchte bei seiner amerikanischen Kollegin Diana Rendell ein einzelnes Fragment aus dem Gästebuch auf. Irgendwer hatte mittlerweile die sechs Van-Gogh-Seiten in etwa zehn Einzelteile zerschnitten und dabei keine Rücksicht auf die Texte der Rückseiten genommen. Rendell bot die nur noch sechs mal acht Zentimeter große Old, Old Story- Hymne für 12.000 Dollar an. Vier Jahre später kostete das Fragment auf einer Messe in Monte Carlo schon 40.000 Dollar, Fraser Autographs in London bietet es nun für 50.000 Pfund an. Ein anderes Fragment mit einigen Zeilen aus dem 91. Psalm und einem Gedicht von Longfellow offeriert gerade Kotte Autographs aus Roßhaupten für 27500 Euro. Würde man die Zeilenpreise hochrechnen, wäre das komplette Album heute rund fünf Millionen Euro wert.