Der ehemalige Mossad-Chef und Armeegeneral Zvi Zamir wird Schlimmstes befürchtet haben, als er erfuhr, dass seine Tochter Michal wieder an einem Roman schreibt. Gerade war sie bekannt geworden mit einem Skandalbuch über die israelische Armee, das auch eine Abrechnung mit ihm war. Das Buch markiere eine "Wegscheide" in der neuen hebräischen Literatur und sei eines der "spannendsten des Jahres", jubelte die israelische Literaturkritik.

Nun also ein weiteres Buch von der 1964 in Tel Aviv geborenen ungehorsamen Generalstochter. Eines, in dem es um den Heimatort der Familie Zamir gehen würde, eine Siedlung, die in den fünfziger Jahren für die Elite des Landes gebaut worden war. Hier lebten sie alle auf einem Fleck: Jitzchak Rabin, Mosche Dajan und all die anderen Armeegeneräle und Staatsgründer. Eine Geschichte über diese Siedlung, erzählt von seiner renitenten Tochter – das konnte dem Vater nichts Gutes verheißen.

Immerhin gibt Michal Zamir der Siedlung im Roman einen anderen Namen, sie nennt sie Newe Chanit, Oase des Speers. Hier verbringen die Armeegeneräle ihren Ruhestand, sie sind alt und machtlos geworden, aber ihre Häuser sind noch immer viel wert. Die junge Wirtschaftselite – Diamantenhändler und Hightech-Unternehmer – begehrt diese Grundstücke, um dort Villen im toskanischen Stil zu erbauen.

Im Zentrum des Buches steht der schamlose Immobilienmakler Gabi Chayek, der den Alten nach und nach ihre Häuser abschwatzt und ihnen stattdessen einen Platz im Seniorenwohnheim besorgt. Sein oberstes Ziel: Er will in der Siedlung ein Spa im hellenischen Stil eröffnen. Doch damit stößt er auf Widerstand im Siedlungsrat. Für dessen Vorsitzenden Schraga Livni, Generalmajor a.D., ist ein Spa nichts anderes als ein "Bordell in einer Wohnsiedlung, deren Alteingesessene das Land eigenhändig aufgebaut haben". Im Spa sieht er nur ein weiteres Indiz für den Untergang der israelischen Gesellschaft, eine Fortsetzung des Zerfalls, der 1973 mit dem schmachvollen Jom-Kippur-Krieg begann, jenem Krieg, der allen klargemacht hat, dass die israelische Armee nicht unbesiegbar war.

Michal Zamirs Vater, als ehemaliger Chef des mächtigen israelischen Geheimdienstes selbst Teil der alten Elite, mag sich in der einen oder anderen Person wiedererkennen. Aber einen Skandal muss er nicht befürchten. Während Zamirs erster Roman Das M ädchenschiff einer verbalen Bombe glich und Michal Zamir darin die israelische Armee als Hurenhaus beschrieb, in dem sich die Beschützer der Nation an 18-jährigen Mädchen vergreifen, kommt der neue Roman Die S iedlung viel leiser daher. Das Mädchenschiff hatte Zamir wie in Trance in nur drei Monaten geschrieben, einer inneren Eingebung folgend. Es war der Höhepunkt einer 20 Jahre andauernden Rebellion der pazifistisch eingestellten Tochter gegen den militaristischen Vater. Mit dem Buch war endlich alles gesagt, worüber zuvor immer geschwiegen worden war.

Deshalb erstaunt es auch nicht, dass sich Zamir jetzt in der Siedlung so eindeutig auf die Seite der Generäle schlägt, die sie zuvor mit voller Wucht angegriffen hatte. Auf die Abrechnung folgt die Versöhnung. Die Siedlung ist eine fast zärtliche Liebeserklärung an den Ort ihrer Kindheit und eine Parabel auf das heutige Israel, in dem die Ideale der Gründerväter nichts mehr zählen und in dem nur noch das Geld regiert. Michal Zamirs neuer Roman ist zwar literarisch ausgereifter und erwachsener, aber auch braver, trotz der humorvollen Derbheit ihrer Sprache.

Die 44-jährige Zamir schrieb gerade an diesem neuen Roman, als das Mädchenschiff im Sommer 2007 in Deutschland erschien. Wenn man damals mit ihr in ihren Heimatort fuhr, näherte sie sich ihrem Elternhaus nur von Weitem. Das Haus war soeben verkauft worden, im Vorgarten stand noch das Schild des Maklers. Michal Zamir fuhr mit dem Auto vorbei an dem schlichten Bungalow, dessen braunes Ziegeldach tief über das Gebäude ragte wie ein ins Gesicht gezogener Schlapphut. Erst hundert Meter weiter blieb sie stehen, das Auto wollte sie jedoch nicht verlassen.