Eine schöne Idee: Ein Verleger lädt zehn Schriftsteller von Rang und Namen ein, gemeinsam einen Roman zu schreiben. Unter Kenntnis des bislang Geschriebenen, so das literarische Konzept, setzt jeweils ein anderer die Geschichte fort. So entsteht ein zehnteiliger Episodenroman ohne stringente Handlung, eine Art "Short Cuts" in Buchform.

Die Vorgabe zu Klick! , das Substrat, in dem alle anderen Kapitel als Keim angelegt sind, liefert die amerikanische Autorin Linda Sue Park: Ein Mädchen namens Maggie trauert um seinen toten Großvater George Keane, genannt Gee, der ein berühmter Fotograf war und ein halbes Jahrhundert lang den Globus bereiste sowie unzählige Bilder schoss. Ihrem Bruder Jason vermachte Gee mehrere Fotos von berühmten Sportlern, allesamt handsigniert. Maggie bekommt ein Holzkästchen mit sieben Fächern; in jedem liegt ein Schneckenhaus oder eine Muschel. Dazu gehört ein Kärtchen mit dem rätselhaften Auftrag: "Wirf sie alle zurück."

In den neun folgenden Beiträgen machen sich die Autoren die dramaturgische Freiheit des Verfahrens zunutze. Sie springen in der Zeit zurück und nach vorne, wechseln Länder und Kontinente, passen den Stoff ihren persönlichen Vorlieben und Lebenswelten an. David Almond etwa, preisgekrönter Autor aus England, dessen Bilderbuch Papa kann fliegen in diesem Jahr auch in Deutschland sehr erfolgreich war, Almond steht an zweiter Stelle der Autorenriege und zoomt seine Leser an den Strand von Stupor. Zu einer 13-jährigen Annie Lumsden, die mehr Wasserwesen ist als Mensch und sich mit Schulwissen ziemlich schwertut. In traumwandlerischem Ton erzählt diese Annie die Geschichte von "einem Mann aus Amerika, der an einem sonnenhellen Tag kam und das Foto machte, das an der Wand neben meinem Bett hängt und zeigt, wer ich in Wahrheit bin. Der Mann hieß Gee."

Almonds fantastisch anmutende Geschichte besticht durch ihre reiche Wasser- und Meeresmetaphorik. Dann übernimmt Eoin Colfer, bekannt durch seine fantastische Romanserie Artemis Fowl. Colfer setzt Jason in den Mittelpunkt seiner Erzählung: als Jungen, der in einer schweren Identitätskrise steckt und Gees wertvolles Erbe um ein Haar versetzt. Der Kultautor Nick Hornby dichtet Gee eine Doppelexistenz mit einer französischen Fotografin an. Und Tim Wynne-Jones schrieb in den kanadischen Wäldern, wo er lebt, ein Kapitel, das Jason als kommenden Fotografen porträtiert, dem es gelingt, mithilfe seiner Kunst das Mädchen Min von einem Trauma zu befreien.

Natürlich stellt sich bei einem solchen Projekt die Frage, ob alle Erzählungen gleich stark sind. Tatsächlich prägt sich mancher Beitrag besonders ein. Etwa der von Deborah Ellis, die sich seit vielen Jahren für Mädchen und Frauen in Afghanistan engagiert. In Lev versetzt uns die in Toronto lebende Schriftstellerin und Psychotherapeutin in eine russische Gefängniszelle. Fünf Häftlingen werden unerwartet drastische Vergünstigungen zuteil: gutes Essen, frisches Bettzeug, eine Dusche. Grund ist der Besuch eines amerikanischen Fotografen – Gee, der der Welt die vorbildlichen Verhältnisse in den Gefängnissen des neuen Russland präsentieren soll. Am Ende kennt Gee die Geschichte des 17-jährigen Lev aus Abchasien, dessen Kindheit von Krieg und dem Leben in Waisenhäusern geprägt ist und der für den Diebstahl von Kleidung und Essen einsitzt. Wie nebenbei wird die Herkunft des Kästchens gelüftet und eine wunderbare Verbindung zum ersten Kapitel hergestellt.

"Als mein großer Bruder aus dem Krieg kam, hatte er keine Beine mehr." Die in New York lebende Filmproduzentin und Autorin Ruth Ozeki zieht uns gleich mit ihrem ersten Satz in den Bann. Ihre Episode spielt in Tokyo nach dem Zweiten Weltkrieg, sie handelt vom Hass auf den amerikanischen Fotografen, der Schokoriegel an japanische Kinder verteilt, und sie endet mit der Botschaft von Versöhnung und Verzeihung, die der kleine Jiro durch das Geschenk eines Schneckenhauses bekräftigt. Auch hier schließt sich aufs Schönste der Kreis.

Zum Schluss des Buches antworten die einzelnen Autoren auf die Frage, wie sie zur Wahl ihres "Stoffes" gekommen sind. Dem irischen Booker-Prize-Gewinner Roddy Doyle etwa hatten es die Fotosammlung und der Name Keane angetan. Es gelingt ihm, in seine um das Croke-Park-Stadion in Dublin angesiedelte Episode ein Muhammad-Ali-Foto von Gee sowie dessen Namensvetter Roy Keane einzubauen – für ihn einer der interessantesten Fußballer Irlands.