Bonn wurde nicht Weimar…

Täuschen wir uns nicht: Die Bundesrepublik vor 1989 war keine Schrebergartenidylle. Es gab harte Krisen, und wer im Gründungsjahrzehnt der Republik eine Wette auf ihren Bestand einging, befand sich in der Minderheit. Auch das Grundgesetz ist nicht in weltfremder Abgeschiedenheit von ein paar alten Männern und wenigen alten Frauen verfasst worden. Vorausgegangen war der schärfste Zivilisationsbruch der modernen Geschichte, und als die Beratungen zum Grundgesetz begannen, war mit Wucht der Kalte Krieg aufgezogen, und nicht wenige fürchteten einen Dritten Weltkrieg. In jenen, die das Grundgesetz schufen, manifestierte sich die Opposition gegen den Nationalsozialismus. Das Grundgesetz war eine Weltneuheit: Die erste posttotalitäre Verfassung nach 1945. An seiner Wiege stand der Geist einer Erschlagenen, der Geist der Weimarer Republik.

Als Fritz René Allemann, der Deutschlandkorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre sein mittlerweile berühmtes Buch Bonn ist nicht Weimar veröffentlichte, war das erleichterte Aufatmen in der ganzen Bundesrepublik zu vernehmen. In der politischen Kultur des Weststaates spielte das Scheitern der ersten deutschen Demokratie eine zentrale Rolle – man hat dies seit Jahrzehnten betont, doch erst jetzt liegt eine brillante und quellengesättigte Studie dazu vor, die mit Fug und Recht als ein Musterbeispiel einer modernen, kulturwissenschaftlich erweiterten Politikgeschichte bezeichnet werden kann. Sebastian Ullrich zeigt in seiner an der Humboldt-Universität entstandenen Dissertation, die erstmals in die Tiefe bohrt, wie die Narbe des Weimarer Scheiterns zum Bestandteil bundesdeutscher Identität geworden ist. Weimar, das war Hektik und Tragik; die Bundesrepublik hatte, was der ersten deutschen Demokratie fehlte, Ruhe und Glück.

Doch Vorsicht: Welche "Lehren" aus Weimar sollten überhaupt gezogen werden? Ging es um die Institutionen, um das "Parteiengezänk"? Stand die Sozialstaatlichkeit im Fadenkreuz oder ein Mangel an christlichem Naturrecht? Oder war es die außenpolitische Unentschiedenheit? Ullrich arbeitet heraus, dass es keine allgemein verbindlichen, übergreifenden "Lehren" gab, sondern dass – je nach weltanschaulichem Standpunkt, je nach Erfahrungsraum und Erwartungshorizont – die Hauptschuld am Untergang unterschiedlichen Faktoren angelastet wurde. Der "Weimar-Komplex" speiste sich dabei nicht allein aus der Sorge um den Erhalt der Demokratie. Vielmehr entsprang er einem fast traumatischen Gefühl, schuld am Aufstieg Hitlers und der "deutschen Katastrophe" gewesen zu sein.

In zwei großen Teilen durchmisst Ullrich sein Terrain. Er beginnt mit den Jahren der Besatzung, reflektiert die Erfahrungen der Emigration und des Weimar-Bildes der Siegermächte. Anschließend nimmt er das Gründungsjahrzehnt ins Visier, zeichnet bis in kleinste Verästelungen die innenpolitischen Debatten, aber auch die realen Bedrohungen (zum Beispiel die hohe Arbeitslosigkeit) nach, widmet sich der Traditionsstiftung in der staatlichen Symbol- und Geschichtspolitik, bespiegelt dies mit dem Weimar-Bild des SED-Regimes und beleuchtet abschließend mit analytischem Blick die Weimar-Forschung einer neuen Historikergeneration. Diese war in die politischen Richtungskämpfe der frühen Bundesrepublik eingebunden und kann somit den Blick für die zunehmende Liberalisierung der politischen Kultur schärfen.

Auch bei den politischen Eliten lässt sich eine zum Teil extreme Fixierung auf Weimar feststellen: "Es sind wirklich Methoden, die stark an die Vornazizeit beim Sterben der Weimarer Republik erinnern" – so kommentierte Helene Wessel von der Zentrumspartei den beginnenden ersten Bundestagswahlkampf 1949. Tatsächlich waren die politischen Entwicklungen nach der Verabschiedung des Grundgesetzes nicht geeignet, die Befürchtungen gegenüber der neuen Demokratie zu zerstreuen. Viele nahmen die entstehende Bundesrepublik als bloße Neuauflage Weimars wahr. Die Elitenkontinuität war Wasser auf die Mühlen dieser Restaurationsthese.

Bonn wurde nicht Weimar…

Im Zeichen von Wirtschaftswunder und politischer Stabilität emanzipierte sich die Bundesrepublik freilich zusehends vom negativen Weimar-Bild. In Umfragen lässt sich die wachsende Akzeptanz des Bonner Staates eindrucksvoll ablesen. Wann es den Deutschen am besten gegangen sei, fragte die Demoskopie, und 1951 hatten sich nur 2 Prozent für die Bundesrepublik entschieden; ein Jahrzehnt später waren es bereits 62 Prozent. Weimar rangierte immer weit abgeschlagen bei etwa 4 Prozentpunkten. Die zweite deutsche Demokratie gewann Legitimität aus sich selbst heraus. "Weimar" wurde mehr und mehr zu einem bloßen negativen Verweissystem darauf, wie sehr die "neuen" Deutschen emotional in der Normalität angekommen waren.

Nur kursorisch streift Ullrich die Entwicklung nach 1959. Dabei wäre es interessant gewesen, den "Weimar-Komplex" mit seinem französischen Zwillingsbruder, dem "Rapallo-Komplex" zu vergleichen, wie er seit der Neuen Ostpolitik Brandts wiedererstand. Es war die Furcht, Deutschland könne sich – wie durch den Vertrag von 1922 unterstellt – mit dem kommunistischen Russland gegen den Westen verbinden. Auch in Krisenzeiten tauchte "Weimar" als Menetekel immer wieder auf, während der ersten Großen Koalition und der Verabschiedung der Notstandsgesetze, in der Debatte um die durch Weltwirtschaftskrise und RAF-Terrorismus "verunsicherte Republik" der 1970er Jahre bis hin zu Bundeskanzler Schröders Agenda-2010-Politik, die einen politischen Beobachter zur Frage veranlasste "Weimar II durch Hartz IV?".

Überhaupt gilt bis heute: Wer die Krisen- und Verdrossenheitsdebatte in der Bundesrepublik befeuern und Aufmerksamkeit der Medien erheischen möchte, der greift zur Weimar-Analogie – eine deutsche Obsession. Skeptiker meinen gegenwärtig bereits wieder, dass die Bundesrepublik eine Schönwetterdemokratie sei, die ihre Zustimmung zur demokratischen Lebensform von der Effizienz von Markt und Staat abhängig macht. Dies war die Dauerprognose seit 1949; sie ist noch nie eingetroffen. Die Bundesrepublik hat ihre eigenen Traditionen ausgebildet, sie ist nicht mehr flach verwurzelt – auch von daher erscheint es so wichtig, dass der "Weimar-Komplex" nunmehr so trefflich historisiert worden ist.