Im Zeichen von Wirtschaftswunder und politischer Stabilität emanzipierte sich die Bundesrepublik freilich zusehends vom negativen Weimar-Bild. In Umfragen lässt sich die wachsende Akzeptanz des Bonner Staates eindrucksvoll ablesen. Wann es den Deutschen am besten gegangen sei, fragte die Demoskopie, und 1951 hatten sich nur 2 Prozent für die Bundesrepublik entschieden; ein Jahrzehnt später waren es bereits 62 Prozent. Weimar rangierte immer weit abgeschlagen bei etwa 4 Prozentpunkten. Die zweite deutsche Demokratie gewann Legitimität aus sich selbst heraus. "Weimar" wurde mehr und mehr zu einem bloßen negativen Verweissystem darauf, wie sehr die "neuen" Deutschen emotional in der Normalität angekommen waren.

Nur kursorisch streift Ullrich die Entwicklung nach 1959. Dabei wäre es interessant gewesen, den "Weimar-Komplex" mit seinem französischen Zwillingsbruder, dem "Rapallo-Komplex" zu vergleichen, wie er seit der Neuen Ostpolitik Brandts wiedererstand. Es war die Furcht, Deutschland könne sich – wie durch den Vertrag von 1922 unterstellt – mit dem kommunistischen Russland gegen den Westen verbinden. Auch in Krisenzeiten tauchte "Weimar" als Menetekel immer wieder auf, während der ersten Großen Koalition und der Verabschiedung der Notstandsgesetze, in der Debatte um die durch Weltwirtschaftskrise und RAF-Terrorismus "verunsicherte Republik" der 1970er Jahre bis hin zu Bundeskanzler Schröders Agenda-2010-Politik, die einen politischen Beobachter zur Frage veranlasste "Weimar II durch Hartz IV?".

Überhaupt gilt bis heute: Wer die Krisen- und Verdrossenheitsdebatte in der Bundesrepublik befeuern und Aufmerksamkeit der Medien erheischen möchte, der greift zur Weimar-Analogie – eine deutsche Obsession. Skeptiker meinen gegenwärtig bereits wieder, dass die Bundesrepublik eine Schönwetterdemokratie sei, die ihre Zustimmung zur demokratischen Lebensform von der Effizienz von Markt und Staat abhängig macht. Dies war die Dauerprognose seit 1949; sie ist noch nie eingetroffen. Die Bundesrepublik hat ihre eigenen Traditionen ausgebildet, sie ist nicht mehr flach verwurzelt – auch von daher erscheint es so wichtig, dass der "Weimar-Komplex" nunmehr so trefflich historisiert worden ist.