Mitmenschlichkeit, Aufrichtigkeit und Optimismus des 18. Jahrhunderts sind uns heute suspekt. Der Verzicht auf die nützliche Lüge wirkt naiv. Die Scheu vor Verstellung scheint unzeitgemäß. Doch es ist noch nicht lange her, dass Dichter die Unverstelltheit zum Ideal erhoben. Nicht etwa mit einer schnöden List, die sich anböte, entweicht Goethes Iphigenie aus den Armen des Königs Thoas, sondern mit einer "unerhörten Tat": Sie beichtet ihm die Fluchtpläne, die für ihre Heimkehr nach Griechenland geschmiedet wurden, sie appelliert an seine Menschenfreundlichkeit. Er möge sie freiwillig gehen lassen. Und die Herzenssprache, gegen alle Wahrscheinlichkeit, fruchtet. "Lebt wohl", sagt Thoas, der Mächtige, der sich schließlich aufopfert und seine Interessen zurückstellt. Damit endet das Stück.

"Rhetorik", schreibt Goethe in seinen Maximen und Reflexionen, "verfolgt ihre Zwecke und ist Verstellung von Anfang bis Ende." Das klingt uns heute reichlich fremd. Zunehmender Konkurrenz ausgesetzt und trotz der fiebrigen Selbsterkundung beim Psychiater oder in Yogagruppen, die den Beichtgang abgelöst haben, gehen wir heute, sei es in der Werbung, im Berufsalltag, in Medien, selbst noch in unseren Liebesbeziehungen, grundsätzlich von instrumenteller Kommunikation aus. Wir wittern allerorts Betrug, wir huldigen der antihumanistischen, der Kleistschen Überzeugung, das Leben sei aristokratische Verstellungskunst, sei ein "Kampf", den man "tausendgliedrig … nach allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und Reaktionen, empfindet und spürt". Es gelte, sich durchzusetzen, qua geschickter Rhetorik im "Gespräch", erst recht aber in einer "Schlacht".

Es scheint, als habe der allerneueste Kapitalismus Verhaltensmuster der höfischen Welt kalt beherzigt, die es im 18. Jahrhundert durch ein empfindsames Ethos der Aufrichtigkeit zu desavouieren galt: Es regiere die Verstellungskunst, die Intrige, das Falschspiel! Die jüngsten Entdeckungen sind gewaltig und traurig: Spekulanten haben die Macht ergriffen und Produktion zum lästigen Umweg der Gewinnmaximierung degradiert. Mit erstaunlichem Mut zur Verdunkelung mischte man sichere und unsichere Kredite und reichte sie weiter. Bis der Schwindel aufflog. Bis das Risiko des Spielers beim sogenannten Endverbraucher landete, der sich heute mit Arbeitslosigkeit, Schulden, drohender Inflation konfrontiert sieht.

Man kann die Krise einerseits als Versagen der Eliten erklären, die ihr humanistisches Erbe verachtet, sich entbürgerlicht haben, wie es zuletzt nur die sozialistischen vermocht hatten. Man kann, und dies klingt natürlich weitaus raffinierter, von einem naturgesetzlichen Prozess sprechen, wie es vor wenigen Tagen etwa die Süddeutsche Zeitung in ihrem Feuilleton getan hat. Moralische Anklagen seien albern und verlogen, die Exzesse und ihre Folgen seien "logisches Produkt des ökonomischen Systems". Nun ist das Argument fehlender Handlungsspielräume seit je eine Position marxistischer Kapitalismuskritik. Verantwortlichkeiten zu benennen, Risiken durch Regulierungen der Märkte einzudämmen, überhaupt: mit Moral zu kommen sei sozialdemokratisches Weicheiertum, ein Verblendungszusammenhang, den man, kühl lächelnd, als naiv bezeichnen dürfe.

Es mag an der sozialistischen Naherfahrung des ostdeutschen Soziologen Wolfgang Engler liegen, dass er sich systemischen Argumenten, die menschliche Schuld exkludieren, verweigert. Er optiert angesichts der Weltwirtschaftskrise in seinem neuen Buch Lüge als Prinzip mit waghalsigem Rückgriff auf das 18. Jahrhundert für Aufrichtigkeit. "Wie schlicht!", ist der erste, reflexhafte Gedanke, der einen überfällt. Wie naiv, rührend, wie realitätsblind und moralinsauer muss ein Autor doch sein, ausgerechnet den überspannten Optimismus der Aufklärung, die durch allerlei tragische Häutungen gegangen ist, uns aufgewärmt zu präsentieren! Auf zweihundert Seiten wird tatsächlich der Versuch unternommen, die derzeitige Krise mit einer empfindsamen Geselligkeitskultur zu konfrontieren, mit dem kulturgeschichtlichen Phantasma einer natürlichen Sprache, mit dem Glauben an einen unverstellten Körperausdruck, der bis in die theatertheoretischen und ästhetischen Konzepte der Weimarer Klassik – vor allem in die Anmutsvorstellung Schillers – hineinwirkte.

Ein Buch also, das weite geistesgeschichtliche Bögen spannt. Es changiert halsbrecherisch zwischen der höfischen Kultur und der Gesinnung heutiger Bankmanager, zwischen Missbrauch von menschlicher Vertrauensfähigkeit im Sozialismus und dem hehren Wahrhaftigkeitskult der Empfindsamkeit, um wiederzufinden, was verloren scheint: ein Reich zweckfreier, anmutiger Kommunikation.

Engler weiß sehr genau um die Kühnheit seines Unternehmens. Nichts scheint, auch methodisch, abgestandener: Hatte doch der linguistic turn in den Geisteswissenschaften den Blick dafür geschärft, dass Bezeichnetes und Bezeichnendes, Wirklichkeit und Sprache weit auseinanderklafften, hatte doch Niklas Luhmann behauptet, dass moderne Gesellschaften auf "Entmoralisierung" ihrer zentralen Funktionssysteme beruhten, dass sie sich entkoppelt hätten vom "ganzen Menschen" und seinem "Seelenbrei".

Englers Traktat ist von einem großen und traurigen "Trotzdem", einem "Ja, aber" derlei sprach- und moralskeptischen Positionen gegenüber beseelt, ohne hinter ihre Erkenntnisse zurückzufallen. Er eilt unterhaltsam durch die sprachskeptischen Positionen seit der Antike, die im 18. Jahrhundert in scharfe Hofkritik münden, in die Verachtung der Schminke, der Turmfrisuren und galanten Verführer, in Abscheu gegenüber den "Fesseln der Künstelei und der Mode" (Schiller). Der Wunsch, Aufrichtigkeit zu bekunden, führte bisweilen zu albernen Praktiken: Wurde im empfindsamen Jahrhundert für wenige Wochen voneinander Abschied genommen, mussten Tränen fließen. Es waren peinliche Auftritte, ein ewiges Herzen und Drücken. Wortreich die Briefe mit zahlreichen "Achs" und Klagebekundungen. Liebe ohne Begehren war das Ziel, Transparenz im Umgang, ein bürgerliches Theater der schönen Gefühle wurde errichtet. Doch es musste pädagogisch verführen, obgleich es nicht verführen durfte. Aufrichtigkeitspostulate mündeten unausweichlich in Paradoxien. Unerträglich war dem 18. Jahrhundert der Gedanke, dass "zwischen dem, was ein Mensch darstellt, zwischen seiner Erscheinung, und dem, was er ist, seinem Wesen, ein Riss klafft" (Hartmut Böhme).