Die Frage: Andreas und Imke erwarten ihr erstes Kind, beide freuen sich sehr darauf, bald eine kleine Familie zu sein. Es gibt nur ein Problem: die Geburt. Imke hat viel Zeit darauf verwendet, die richtige Klinik mit der ihr zusagenden Geburtsstation zu finden. Sie hat Geburtsvorbereitungskurse belegt und auch ihren Mann dorthin mitgebracht. Für Imke ist es ganz klar, dass Andreas bei der Geburt ganz dicht an ihrer Seite sein und ihr die Hand halten soll. Andreas würde aber lieber draußen warten. Er kann kein Blut sehen. Ihm wird schon schlecht, wenn er sieht, dass sich seine Liebste in den Finger geschnitten hat. Die Vorstellung, dass er sie inmitten strömenden Blutes sieht, wenn sie gerade das gemeinsame Kind auf die Welt bringt, ist ihm ein Graus. Er traut sich aber nicht, mit ihr darüber zu sprechen.

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Wolfgang Schmidbauer antwortet: Blut soll wohlverwahrt im Körperinneren fließen, alles andere alarmiert archaische Ängste. Solange in der Steinzeit die Männer jagten, mussten nicht nur Mädchen, sondern auch Jungen diese Ängste kontrollieren lernen. Heute sind Frauen oft unerschrockener als die Helden an ihrer Seite. Zur weiblichen Sexualität gehören schließlich Monatsblutungen. Andreas plagt nicht nur seine Angst, sondern auch seine Scham, dass er so ängstlich ist. Diese Scham muss er bezwingen und sich mit Imke einigen, ob sie die gemeinsame Geburt riskieren wollen. Ich wünsche ihm, dass er sich dieses Ereignis nicht entgehen lässt. Mag auch der Halt überschätzt werden, den Kreißende an ihrem Partner finden; was zählt, sind der gute Wille und die Bereitschaft, sich von Anfang an als Vater einzubringen.

Wolfgang Schmidbauer, 68, ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Sein Buch zu dieser Kolumne ist soeben erschienen: "Lässt sich Sex verhandeln?", Gütersloher Verlagshaus 2009

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Welchen Problemen Wolfgang Schmidbauer in seiner täglichen Praxis begegnet, erzählt er im Interview mit ZEIT ONLINE.