Manchmal fällt es schwer, zu verstehen, warum ein Streit einmal angefangen hat – und vor allem, warum er nicht aufhört. In einer Rundmail an Mitglieder der Jüdischen Gemeinde München lobte Michael Wolffsohn Ende des vergangenen Jahres die frühere Leiterin der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau, Barbara Distel: »Ihre Verdienste um Verständigung mit und Brückenbau zu uns Juden sind über jeden Zweifel erhaben. Mehr noch: Sie sind großartig.«

Wolffsohn ist Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehrhochschule München, sein Großvater starb in Dachau – in ebenjenem KZ, dessen bedrückendes Erbe Distel jahrzehntelang bis zu ihrer Pensionierung 2008 pflegte. Gelegentlich äußerte sich Wolffsohn zwar kritisch über die Präsentation der Gedenkstätte, die ihm als Mischung aus »Hölle und Disneyland« erschien. Aber Distel nahm die Kritik gelassen hin.

Es wäre bei dem kühl-distanzierten Verhältnis geblieben, hätte Wolffsohns Rundmail nicht einen ganz anderen, äußerst fragwürdigen Hintergrund gehabt. »Ich habe aus mehreren zuverlässigen Quellen in den letzten Wochen gehört, dass sie Gelder ihrer früheren Arbeitsstätte veruntreut hätte«, schrieb Wolffsohn – und verbreitete damit ein Gerücht, von dem heute niemand mehr sagen kann, wie es eigentlich in die Welt kam. Zugleich beauftragte der Professor eine Mitarbeiterin, über Distel zu recherchieren.

Als die Mitarbeiterin Rückmeldung gab, es sei nichts an den Unterstellungen, konzedierte Wolffsohn großzügig: »In dubio pro reo.« Damit war Distel zur Angeklagten geworden, der man nur nichts nachweisen konnte. Und Wolffsohn, dessen Aktion in der jüdischen Gemeinde mit wachsender Besorgnis verfolgt wurde, schob noch ein weiteres Gerücht nach. Distel habe beim Weggang aus der Gedenkstätte »Festplattenspuren beseitigt« – wohl zum Zweck der Vertuschung vorangegangener Untreue.

Distel schrieb daraufhin an die Präsidentin der Jüdischen Gemeinde München (und des Zentralrats der Juden in Deutschland), Charlotte Knobloch, »dass ich mit allen Mitteln gegen diesen Rufmord ankämpfen werde«. Sie bat Knobloch, die stets voll des Lobs für Distels Arbeit war, um ein »klärendes Wort«. Doch ein klärendes Wort blieb aus.

Weil Wolffsohn es seinerseits ablehnte, eine Unterlassungserklärung zu unterzeichnen, zog Distel schließlich vor Gericht – und unterlag. Wolffsohn sei berechtigt gewesen, die Gerüchte abzuklären, weil er dabei im engsten Kreis seiner Gemeinde geblieben sei und auf deren Diskretion habe setzen können, befand der Richter. Für Distels Anwalt Norbert Kückelmann ist das eine fragwürdige Interpretation, da Wolffsohns Mail an acht Empfänger gerichtet war, von denen nur zwei laut Gemeinde-Geschäftsordnung zum Stillschweigen verpflichtete Vorstandsmitglieder sind.

»Für mich ist das ein Albtraum. Ich fühle mich an Kafkas K. im Roman Der Prozess erinnert, der eines Tages aufwacht und schuldig ist«, sagt Distel. Obwohl sie sich nichts hatte zuschulden kommen lassen, wurde sie mit dem Urteil zur Zielscheibe von Berichterstattung und weiterem üblen Tratsch. Wolffsohn stellte sogleich ein Dutzend Artikel zur Causa, in der er vorläufig gesiegt hatte, auf die Webseite seiner Universität und machte nun Distels früheren Dienstherrn, den Direktor der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten, Karl Freller, mit dem Computer-Teil des Gerüchts bekannt. Freller leitete daraufhin eine Untersuchung ein, zu der er vorher keinerlei Anlass gesehen hatte. Am 7. Juni teilte er mit, was zu erwarten war: Alles sei bloß ein Gerücht gewesen, auf Distel laste nicht der Schatten eines Verdachts.