Ein Masthähnchen stirbt jung im Oldenburger Münsterland. In der Regel lebt es keine 40 Tage lang in diesem westlichen Zipfel von Niedersachsen. Es frisst, es trinkt, und es wächst, bis es rund 2000 Gramm auf die Waage bringt. Dann landet es zum Beispiel in Visbek, wo die Gebr. Stolle GmbH eine Geflügelschlachterei betreibt. Das Letzte, was das Tier sieht, ist der Mann in weißem Overall. Er klemmt das Federvieh kopfüber mit den Füßen an zwei Haken. Das Schlachtband, das es fortträgt in Richtung Elektrobad, rattert rastlos.

Wenn der Kopf in das unter Strom stehende Wasser eintaucht, ist das Tier sofort bewusstlos. Das rotierende Messer, das danach seine Halsschlagader durchtrennt, spürt es nicht mehr. Maschinell wird der ausgeblutete Körper gerupft, nackt baumelt er am Förderband, dann werden Kopf und Unterschenkel im Vorbeifahren abgetrennt. Eine Metallzange greift in den geweiteten After und entfernt die Gedärme. Das Fleisch wird enthäutet, zerkleinert und verpackt. Alles geht blitzschnell, das meiste vollautomatisch, und fertig sind Keule, marinierte Filets oder Chicken Nuggets. 2,3 Millionen Hähnchen schlachtet die Firma Stolle pro Woche, dazu kommen 40.000 Puten. Sie ist der zweitgrößte Geflügelproduzent in Deutschland.

Das Fleisch und die Schlachtbank, sie sind das Kapital im Oldenburger Münsterland, einem Landstrich zwischen Bremen und Osnabrück, fast so groß wie das Saarland. Er ist das Zentrum der deutschen Tierzucht und Lebensmittelproduktion. Jedes elfte deutsche Mastschwein verbringt hier sein Leben, jede fünfte Legehenne und jedes dritte Truthuhn. Bis sie auf dem Teller landen.

Auf den ersten Blick wirkt die Region, die die Landkreise Vechta und Cloppenburg mit ihren knapp 300.000 Einwohnern in einer ausgefransten Linie umschließt, wenig aufregend: plattes Land, endlose Weiden und Torffelder, Reiterhöfe und Einfamilienhäuser aus Klinkern hinter weiß gestrichenen Gartenzäunen und Blumenrabatten. Stinkende Gülleseen und die zweifelhaften Methoden der konventionellen Tierhaltung haben lange Zeit ein schlechtes Image geprägt. Doch wirtschaftlich gesehen, hat sich die Gegend in den letzten Jahrzehnten zu einer Boom-Region entwickelt.

Kaum irgendwo anders in Deutschland sind in den vergangenen Jahren, relativ gesehen, so viele Jobs entstanden wie hier. Um elf Prozent stieg die Zahl der versicherungspflichtigen Arbeitsplätze zwischen 2000 und 2007. Im Bundesschnitt ging sie im selben Zeitraum um 3,5 Prozent zurück. Gerade einmal 5,3 Prozent der Erwerbspersonen sind arbeitslos – ein Wert, den man sonst fast nur in Süddeutschland findet. In vielen Kommunen herrscht Vollbeschäftigung. Dabei findet sich in der Gegend kein einziger großer Arbeitgeber, nur wenige Betriebe haben mehr als 1000 Beschäftigte.

»Hier spielt sich fast unbemerkt ein kleines Wirtschaftswunder ab«, sagt Reiner Klingholz, Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, das die Region in der Studie »Land mit Aussicht« untersucht hat. »Dabei war die Gegend noch vor 50 Jahren das Armenhaus der Nation.«

Wie konnte sich ausgerechnet diese Gegend zu der laut Studie »erfolgreichsten aller ländlichen Regionen in Deutschland« entwickeln? »Es ist gelungen, die komplette Wertschöpfungskette, ausgehend von der Landwirtschaft, in der Region zu halten«, erklärt sich Klingholz die Sache. Und so haben sich im Dunstkreis von Ackerbau und Viehzucht viele Industrien angesiedelt: Landmaschinenbauer, Hersteller von Stall- und Fütterungsanlagen, Gemüseverarbeiter, Kunststoff- und Verpackungsbetriebe.