Europawitz auf Schienen

"Er mag noch so beschissen sein: Mit einem Bahnhof fängt alles an." Sergio Leone

Ein blinder, alter Mann sitzt auf einem Kleinstadtbahnsteig in Rumänien. Der Orient-Express rast hier täglich durch, und der Blinde wartet wie jeden Tag am Gleis. Er will das Donnern der Waggons spüren, den Luftzug. Eines Tages spielt seine Tochter dem Alten eine barmherzige Komödie vor: Sie stellt eine verrostete Zugtür vor ihn hin und sagt ihm, ausnahmsweise habe der Zug heute gehalten, nur für ihn, er solle rasch einsteigen. Der Blinde hält sich an der Tür fest. Seine Tochter rüttelt an der Zugtür und richtet einen Ventilator auf das Gesicht des Blinden, und der Alte reist, im Geist, nach Westen.

Die Szene stammt aus dem rumänischen Theaterstück Occident Express von Matei Visniec. Es handelt von der Einsamkeit der Osteuropäer, ihrer Sehnsucht nach dem Westen. Das Phantom dieser Sehnsucht ist der Orient-Express, eine Wunschmaschine, die dorthin rast, wohin man selbst nie kommen wird. Occident Express wurde jetzt in Bukarest uraufgeführt – nicht im Theater, sondern auf dem Bahnhof Baneasa am nördlichen Stadtrand. Der Zug fährt ein, und aus einem der Waggons senkt sich eine hydraulische Seitenwand auf den Bahnsteig herab. Diese Wand ist die Bühne. Und die Passagiere? Sie sind die Schauspieler. Sie spielen den Traum vom Orient-Express – und sind auch dessen Passagiere.

Orient-Express – eine europäische Theaterreise ist eine Idee des Stuttgarter Staatstheaters, zu deren Verwirklichung Bühnen aus der Türkei, Rumänien, Serbien, Kroatien und Slowenien beitragen. Der Theaterzug stammt aus der Türkei, dort war er in den Weiten des Landes unterwegs und brachte Kindertheater in die kleinen Städte. Nie zuvor hat er das Land verlassen. Nun musste er sieben Grenzen überqueren und 3900 Kilometer zurücklegen.

Am 14. Mai fährt der Zug in Ankara los: Diesellok, Bühnenwagen, Garderoben- und Kulissenwagen, drei Schlafwagen, Speisewagen, Konferenzwagen (mit TV und Internet). Der Express macht Station (soll man sagen: er gastiert?) in Istanbul, Bukarest, Craiova, Temesvár, Novi Sad, Zagreb, Ljubljana, Nova Gorica und Freiburg. In jedem Land steigt ein örtliches Theaterensemble zu, an jedem Haltebahnhof werden Stücke gespielt, die eigens für die Reise geschrieben wurden. Manchmal ist der Zug ziemlich voll, durch Rumänien etwa fahren gleich drei Ensembles, das deutsche, das rumänische und das türkische. Kürzlich hat der Zug Stuttgart erreicht. Dort steht er jetzt, und zwar kurioserweise nicht auf dem Bahnhof, sondern im Stuttgarter Hafen, wo heute das Orient-Express-Festival beginnt: Alle Ensembles, die in den vergangenen zwei Monaten mit dem Zug gereist sind, zeigen bis zum 19. Juli die Stücke, die während der Fahrt entstanden sind – in Originalsprache, mit deutschen Übertiteln.

Mit dem Festival hat die Reise ihr Ziel erreicht: Jetzt wird die Reisebeute gezeigt. Und vielleicht beantwortet sich nun die Frage: Warum schickt man einen Zug voller Schauspieler, die einander kaum verstehen, gemeinsam durch Europa? Hat sich das alles gelohnt? Das Unterwegssein jedenfalls hat sich gelohnt, soweit ich das beurteilen kann. Ein kleines Stück der Strecke bin ich mitgefahren – von Istanbul nach Bukarest.

Das unermessliche Istanbul, derzeit von schätzungsweise 16 Millionen Menschen bewohnt, ist die einzige Stadt, die auf zwei Kontinenten liegt. Den asiatischen und den europäischen Teil Istanbuls verbinden Autobrücken und eine große Zahl von Fährschiffen, aber keine Eisenbahnbrücke. Wer aus Asien anreist, trifft auf dem Bahnhof Haydarpasha ein, einem von Deutschen erbauten neoklassizistischen Schloss mit hohen Türmen. Das Gebäude steht auf einem Fundament aus 1100 Holzpfählen, welche von den Baumeistern 21 Meter tief in den Meeresschlamm gerammt worden waren. Die Deutschen errichteten hier eine symbolische Pforte zum Orient; Haydarpasha ist der Ausgangspunkt der sogenannten Bagdadbahn, mit welcher das Deutsche Reich seine Macht bis zum Indischen Ozean ausdehnen wollte. Heute erinnert Haydarpasha mit seinen edlen Holzverkleidungen an ein verlassenes Luxushotel. Wenn man aus dem Zug steigt, steht man am Wasser. Ein Fährschiff bringt den Reisenden auf die europäische Seite. Schon Hercule Poirot, der Detektiv aus Mord im Orient-Express, hat das so gemacht; Agatha Christie schreibt: "Der Bosporus war rau, und Monsieur Poirot genoss die Überfahrt nicht."

Europawitz auf Schienen

In Istanbul muss der Bahnreisende zum Schiffsreisenden werden, wenn er in den Westen will. Jedoch, der Theaterzug nach Stuttgart genoss ein hohes Privileg: Er wurde in tiefer Nacht nach Europa hinübergetragen, mit einer Spezialfähre durch die Fluten des Bosporus nach West-Istanbul, zum Bahnhof Sirkeci, dem Zielbahnhof des Orient-Expresses.

Gespielt wird dann inmitten des Bahnbetriebs, und zwischen den Zuschauern, die auf Plastikstühlen sitzen, huschen Reisende mit Rollkoffern dahin. Man hört das Zischen der einrollenden Züge, in der Ferne ruft der Muezzin zum Abendgebet, und die Hörner der Hafenfähren tuten.

Das türkische Stück Ex-Press vom Nationaltheater Ankara ist eine schwermütige Séance, eine musikalische Meditation über die Heimat und die Unmöglichkeit, sie wiederzugewinnen. Das deutsche Stück dagegen, 80 Tage, 80 Nächte, mit türkischen Übertiteln gespielt, ist ein wildes Schelmenstück über die Tücken des vereinten Europa. Im Mittelpunkt stehen zwei Kuscheltiere, ein Bär und ein Tiger, die in Rumänien von pakistanischen Arbeiterinnen für den deutschen Markt produziert werden. Bär und Tiger wollen nach Deutschland, aber man entlarvt sie als Plagiate und lässt sie nicht einreisen. Als Autor des Stücks firmiert ein gewisser Soeren Voima, einst das Pseudonym eines Autorenkollektivs, hinter dem sich heute nur noch ein Mann verbirgt, der Regisseur Christian Tschirner. Tschirner/Voima erzählt die Vereinigung Europas als große Gaunergeschichte. Das Verbrechen ist immer schon da, es ist der Lotse der Diplomatie. Es huscht in fremde Länder wie eine Diebeshand in dunkle Riesentaschen.

80 Tage, 80 Nächte benutzt Mittel des Puppenspiels, der Jahrmarktsballade und des Kindertheaters, die Menschen und die Puppen koexistieren auf der schmalen Zugbühne. Man hat Mitleid mit dem geschundenen Bärchen. Der kleine Kerl ist der exemplarische Deutsche: angefüllt mit Sägemehl, erfüllt von deutschen Werten. Ein Spießertier, das auf seine Rechte pocht und "eigentlich nur kuscheln" will. Im Verlauf seiner Reise macht es traumatische Erfahrungen; man füllt ihm den Bauch mit Kokain und missbraucht es als Kurier. Das europäische Thema wird brachial "heruntergebrochen" auf Plüschtierniveau. Tschirners Inszenierung funktioniert; sie ist laut und rau wie Werksverkauf: ein Theaterstück, direkt von der Ladefläche herab. Die Deutschen im Publikum amüsieren sich, das türkische Publikum bemüht sich, den Zusammenhang herzustellen.

Warum fährt ein Zug voller Schauspieler, Bühnenbilder, Kostüme, Scheinwerfer quer durch Europa? Das Theater Stuttgart schickt zur Begründung allerlei Begriffe ins Rennen: Der Zug sei ein "rollendes Theaterlabor", es gehe um die Begegnung von Ost und West, um Terror und Glück der Mobilität, um Ängste und Verheißungen der EU-Osterweiterung. Ganz aus der Sprüchekiste der Dramaturgie sind diese Begriffe nicht gegriffen. Das Stuttgarter Theater hat sich zuletzt intensiver als andere Bühnen auf "die Fremden" in der eigenen Stadt zubewegt – auf jene, die normalerweise nicht in ein deutsches Theater gehen. Es gab eine Stuttgarter Medea, in welcher ein Chor türkischer Laienschauspielerinnen die Rolle der wütenden Frau übernahm; es gab die auf einem Fernsehspiel basierende Produktion Wut, worin aggressive junge Migranten und bornierte Besitzstandsdeutsche einander anbellten wie ebenbürtige Bestien (beide Stücke hat der berühmte Theaterguerillaführer Volker Lösch inszeniert). Nachdem man also die Fremden ins Theater eingeladen hat, ist es folgerichtig, sie nun buchstäblich dort abzuholen, wo sie zu Hause sind.

Das gelingt mit allen europäischen Mühen. Immer wieder auf dieser Reise gibt es Situationen wie aus einem Europawitz, eigentlich ist die ganze Fahrt ein solcher Witz, mit Inbrunst gespielt: Fährt ein türkischer Zug mit bulgarischem Lokomotivführer und deutschen Passagieren nach Rumänien…

Bald merkt man: Es fehlt an Bord einer, der alle Sprachen spricht. Oder es fehlt die eine Sprache, die von allen gesprochen wird. Im Ernstfall helfen nur noch Charisma und Tabak. Der türkische Zugführer Fatih, der für jedes Problem eine Lösung findet, kann zwei Wörter Deutsch und drei Wörter Englisch. Ohne ihn führe der Zug nicht; er ist der wichtigste Mann an Bord. Technische Probleme auf fremden Bahnhöfen werden von Fatih und seinen jeweiligen Verhandlungspartnern mithilfe von mindestens fünf Sprachen, internationalem Fuchtel-Esperanto und vielen Zigaretten relativ entspannt gelöst.

Europawitz auf Schienen

Nun hat der Zug Istanbul verlassen, es ist 7 Uhr früh, und uns steht eine 28-stündige Fahrt nach Bukarest bevor. Um 11 Uhr vormittags sagt einer aus der deutschen Gruppe: "Hat jemand ’ne Idee, wie wir das mit der Völkerverständigung hinkriegen?" – "Die Türken sind schon in der Küche", sagt ein anderer. "Die grillen schon", sagt ein Dritter.

Es dauert bis zum Abend, ehe das mit der Völkerverständigung klappt zwischen Deutschen und Türken, und ohne Einmischung eines neutralen Schotten, einer guten Flasche Johnnie Walker von der türkisch-bulgarischen Grenze, wäre es heute vielleicht gar nichts geworden (Is Ireland sober, is Ireland stiff – ein nüchternes Irland ist ein steifes Irland; dieser Spruch von James Joyce über seine Heimat taugt wohl als gesamteuropäische Losung). So aber wird es eine tolle, geradezu utopische Nacht, und ein Spieler vom türkischen Nationaltheater macht herrliche Oud-Musik dazu. Draußen gleitet Bulgarien vorbei, es ist 3 Uhr früh, und auf einem kleinen Bahnhof sehen wir eine Szene, wie von Frank Castorf inszeniert: Ein Wirt in Sporthose und Feinrippunterhemd schenkt drei Gästen nach, im Hintergrund steht ein riesiger Kühlschrank, gewiss das Herz der Ortschaft, und auf dem Kühlschrank flimmert ein Fernsehgerät.

Zuvor hatten wir acht Stunden am türkisch-bulgarischen Grenzübergang gestanden, in stiller Hitze. Gerüchteweise erfuhren wir: Zwischen dem willigen EU-Kandidaten Türkei und dem EU-Außenposten Bulgarien hatte es Friktionen wegen unseres Zugs gegeben. Eine Zolldeklaration hatte gefehlt und eine Waggon-Plombe. Das Problem hatte sich über Stunden hochgeschaukelt, bis am Ende "Sofia" und "Ankara" auf höchster Ebene die Dinge klärten.

Ach, Europa. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll: die Kunst der Organisation, welche diesen Kontinent mit einem einzigen Gleissystem versorgt hat – oder die Kunst der Bürokratie, welche glanzvoll den Sinn dieses Systems unterläuft. Der Stuttgarter Dramaturg Christian Holtzhauer, ein kaum zu überraschender Lakoniker, hatte die Idee zu dieser Reise. Er sagt: "Die Verständigung zwischen den Theatern war wunderbar. Die Verständigung der Bahngesellschaften untereinander: Katastrophe."

Man wünscht sich manchmal, der Orient-Express sei so eigensinnig und autark wie Henriette Bimmelbahn, jenes legendäre Kinderbuchzüglein, das weder Gleis noch Fahrplan braucht und sich seinen Weg allein bahnt. Die unerbittlichste Bürokratie, so der Dramaturg Holtzhauer, habe er bei der italienischen Bahn kennengelernt. Die habe 60000 Euro Streckengebühr für das Projekt und 6000 Euro Standgebühr pro Tag für den Zug verlangt. Deshalb habe man beschlossen, Italien zu umfahren.

Beim Frühstück im Speisewagen, zwei Stunden vor Bukarest, ergibt sich ein Gespräch mit Mustafa Avkiran, dem Regisseur des türkischen Stücks. Er leitet in Istanbul mit seiner Frau Övül das schon legendäre freie Theater Garagistanbul, eine Art Vorposten der Theateravantgarde in der Türkei. Das Stück Ex-Press ist eine Kollektivarbeit seines Ensembles. "Wir haben die Geschichten der Schauspieler gesammelt, und die Dramaturgin hat die Brücken zwischen den Einzelteilen hergestellt." – "Das Theater, das wir heute machen", sagt er in sehr gutem Deutsch, "hätten wir vor zehn Jahren nicht machen können. Mit einer relativ progressiven Regierung ging alles ganz schnell, wir wurden ein kleines Amerika. Nun haben wir eine konservative Regierung, und alles geht wieder einen Schritt zurück. Nun sind wir sehr verwirrt zwischen Ost und West. Wir wollen so gern wissen, wer wir sind."

Mustafa Avkiran ist ein stämmiger kahlköpfiger Mann. Er hat ein ausdrucksstarkes Gesicht und verfügt über eine wilde Mimik. Sein Charisma sichert seinem Theater das Überleben. Kaum ist der Orient-Express in Bukarest eingefahren, muss er seine Truppe allein lassen und nach Istanbul fliegen: Dort werden am nächsten Morgen zwei Folgen einer erfolgreichen türkischen TV-Soap gedreht. "Ich spiele", sagt Avkiran, "den bösen Mann. Wenn mein Gesicht auf dem Bildschirm erscheint, gehen die Quoten nach oben. Mein Gesicht ist der Sponsor unseres Theaters; es ermöglicht uns auch diese Reise."

Europawitz auf Schienen

Bukarest ist nach Istanbul eine Ernüchterung. In Istanbul hat man stets in Wassernähe und doch im Stadtzentrum gespielt. Nun, in Bukarest, spielt man am Stadtrand, abends herrscht das heisere Bellen der Hunde, Güterzüge donnern vorbei und machen lange Passagen der Stücke unhörbar. "In der Ceauşescu-Zeit hat jeder Rumäne davon geträumt, in diesen Zug einsteigen zu können und in den Okzident, den Westen, zu fahren", sagt der rumänische Regisseur Alexandru Boureanu, "deshalb heißt dieses Stück Occident Express." Nun gehört den Spielern vom rumänischen Nationaltheater Craiova der Bahnhof. Der Zug fährt ein, die Bühne senkt sich herab, und wieder quillt eine eigene Theaterwelt aus dem engen Waggon. Eine Garderobe und eine kleine Küche werden auf dem Bahnsteig errichtet, die Travestieszenen zeugen von großer Könnerschaft. Es muss alles schnell entfaltet und flink wieder verpackt werden, denn anschließend, bis Mitternacht, spielen noch die Türken – leider fast ohne rumänisches Publikum.

In einer Szene von Occident Express sitzen ein Kroate, ein Rumäne, ein Bulgare, ein Serbe, ein Bosnier, ein Ungar, ein Makedonier, ein Albaner nebeneinander auf einem Zaun. Alle, so die Regieanweisung, blicken ins Leere, nämlich nach Westen, ohne zu blinzeln. Da sagt der Bulgare: Ich persönlich weiß nicht, wie meine Nachbarn schimpfen. Ich weiß nicht, wie ein Ukrainer, ein Ungar, ein Serbe oder ein Bulgare schimpft. Aber ich weiß, wie die Amerikaner schimpfen. Und der Serbe assistiert: Fuck.

Wir haben viel, was uns verbindet, sagen der Albaner, der Serbe, der Kroate, der Makedonier, der Rumäne. Dann setzen sich alle ihre Kopfhörer auf und hören amerikanische Musik.

Auf dem Bukarester Flughafen Otopeni; der Rückflug hat Verspätung. Und der Reisende begreift, dass die Sehnsucht der Rumänen sich, auf unheimliche Weise, längst erfüllt hat: Die Amerikaner sind ja da. Das Gebäude ist voller US-Soldaten, 300 sind es mindestens. Sie tragen Tarnanzüge und bewegen sich langsam, als sei es Frevel, in solchen Anzügen schnell zu gehen. Die Marines blicken mit einem kühlen Stolz durch die Zivilpassagiere hindurch, als seien sie gar nicht wirklich da. Woher sie kommen, frage ich einen von ihnen. "Direkt von zu Hause." Wohin sie fliegen? "Afghanistan." Dann steigen sie hinab zu einem Gate im Untergeschoss, und das Geräusch der Stiefeltritte erfüllt die Flughafenhalle.

Der ehemalige Passagier des Theater-Orient-Expresses erlebt diese Szene mit einem klammen Gefühl. Man sollte, denkt er plötzlich, nicht so viel fliegen; man sollte noch viel mehr Zug fahren.

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