In Istanbul muss der Bahnreisende zum Schiffsreisenden werden, wenn er in den Westen will. Jedoch, der Theaterzug nach Stuttgart genoss ein hohes Privileg: Er wurde in tiefer Nacht nach Europa hinübergetragen, mit einer Spezialfähre durch die Fluten des Bosporus nach West-Istanbul, zum Bahnhof Sirkeci, dem Zielbahnhof des Orient-Expresses.

Gespielt wird dann inmitten des Bahnbetriebs, und zwischen den Zuschauern, die auf Plastikstühlen sitzen, huschen Reisende mit Rollkoffern dahin. Man hört das Zischen der einrollenden Züge, in der Ferne ruft der Muezzin zum Abendgebet, und die Hörner der Hafenfähren tuten.

Das türkische Stück Ex-Press vom Nationaltheater Ankara ist eine schwermütige Séance, eine musikalische Meditation über die Heimat und die Unmöglichkeit, sie wiederzugewinnen. Das deutsche Stück dagegen, 80 Tage, 80 Nächte, mit türkischen Übertiteln gespielt, ist ein wildes Schelmenstück über die Tücken des vereinten Europa. Im Mittelpunkt stehen zwei Kuscheltiere, ein Bär und ein Tiger, die in Rumänien von pakistanischen Arbeiterinnen für den deutschen Markt produziert werden. Bär und Tiger wollen nach Deutschland, aber man entlarvt sie als Plagiate und lässt sie nicht einreisen. Als Autor des Stücks firmiert ein gewisser Soeren Voima, einst das Pseudonym eines Autorenkollektivs, hinter dem sich heute nur noch ein Mann verbirgt, der Regisseur Christian Tschirner. Tschirner/Voima erzählt die Vereinigung Europas als große Gaunergeschichte. Das Verbrechen ist immer schon da, es ist der Lotse der Diplomatie. Es huscht in fremde Länder wie eine Diebeshand in dunkle Riesentaschen.

80 Tage, 80 Nächte benutzt Mittel des Puppenspiels, der Jahrmarktsballade und des Kindertheaters, die Menschen und die Puppen koexistieren auf der schmalen Zugbühne. Man hat Mitleid mit dem geschundenen Bärchen. Der kleine Kerl ist der exemplarische Deutsche: angefüllt mit Sägemehl, erfüllt von deutschen Werten. Ein Spießertier, das auf seine Rechte pocht und "eigentlich nur kuscheln" will. Im Verlauf seiner Reise macht es traumatische Erfahrungen; man füllt ihm den Bauch mit Kokain und missbraucht es als Kurier. Das europäische Thema wird brachial "heruntergebrochen" auf Plüschtierniveau. Tschirners Inszenierung funktioniert; sie ist laut und rau wie Werksverkauf: ein Theaterstück, direkt von der Ladefläche herab. Die Deutschen im Publikum amüsieren sich, das türkische Publikum bemüht sich, den Zusammenhang herzustellen.

Warum fährt ein Zug voller Schauspieler, Bühnenbilder, Kostüme, Scheinwerfer quer durch Europa? Das Theater Stuttgart schickt zur Begründung allerlei Begriffe ins Rennen: Der Zug sei ein "rollendes Theaterlabor", es gehe um die Begegnung von Ost und West, um Terror und Glück der Mobilität, um Ängste und Verheißungen der EU-Osterweiterung. Ganz aus der Sprüchekiste der Dramaturgie sind diese Begriffe nicht gegriffen. Das Stuttgarter Theater hat sich zuletzt intensiver als andere Bühnen auf "die Fremden" in der eigenen Stadt zubewegt – auf jene, die normalerweise nicht in ein deutsches Theater gehen. Es gab eine Stuttgarter Medea, in welcher ein Chor türkischer Laienschauspielerinnen die Rolle der wütenden Frau übernahm; es gab die auf einem Fernsehspiel basierende Produktion Wut, worin aggressive junge Migranten und bornierte Besitzstandsdeutsche einander anbellten wie ebenbürtige Bestien (beide Stücke hat der berühmte Theaterguerillaführer Volker Lösch inszeniert). Nachdem man also die Fremden ins Theater eingeladen hat, ist es folgerichtig, sie nun buchstäblich dort abzuholen, wo sie zu Hause sind.

Das gelingt mit allen europäischen Mühen. Immer wieder auf dieser Reise gibt es Situationen wie aus einem Europawitz, eigentlich ist die ganze Fahrt ein solcher Witz, mit Inbrunst gespielt: Fährt ein türkischer Zug mit bulgarischem Lokomotivführer und deutschen Passagieren nach Rumänien…

Bald merkt man: Es fehlt an Bord einer, der alle Sprachen spricht. Oder es fehlt die eine Sprache, die von allen gesprochen wird. Im Ernstfall helfen nur noch Charisma und Tabak. Der türkische Zugführer Fatih, der für jedes Problem eine Lösung findet, kann zwei Wörter Deutsch und drei Wörter Englisch. Ohne ihn führe der Zug nicht; er ist der wichtigste Mann an Bord. Technische Probleme auf fremden Bahnhöfen werden von Fatih und seinen jeweiligen Verhandlungspartnern mithilfe von mindestens fünf Sprachen, internationalem Fuchtel-Esperanto und vielen Zigaretten relativ entspannt gelöst.