Nun hat der Zug Istanbul verlassen, es ist 7 Uhr früh, und uns steht eine 28-stündige Fahrt nach Bukarest bevor. Um 11 Uhr vormittags sagt einer aus der deutschen Gruppe: "Hat jemand ’ne Idee, wie wir das mit der Völkerverständigung hinkriegen?" – "Die Türken sind schon in der Küche", sagt ein anderer. "Die grillen schon", sagt ein Dritter.

Es dauert bis zum Abend, ehe das mit der Völkerverständigung klappt zwischen Deutschen und Türken, und ohne Einmischung eines neutralen Schotten, einer guten Flasche Johnnie Walker von der türkisch-bulgarischen Grenze, wäre es heute vielleicht gar nichts geworden (Is Ireland sober, is Ireland stiff – ein nüchternes Irland ist ein steifes Irland; dieser Spruch von James Joyce über seine Heimat taugt wohl als gesamteuropäische Losung). So aber wird es eine tolle, geradezu utopische Nacht, und ein Spieler vom türkischen Nationaltheater macht herrliche Oud-Musik dazu. Draußen gleitet Bulgarien vorbei, es ist 3 Uhr früh, und auf einem kleinen Bahnhof sehen wir eine Szene, wie von Frank Castorf inszeniert: Ein Wirt in Sporthose und Feinrippunterhemd schenkt drei Gästen nach, im Hintergrund steht ein riesiger Kühlschrank, gewiss das Herz der Ortschaft, und auf dem Kühlschrank flimmert ein Fernsehgerät.

Zuvor hatten wir acht Stunden am türkisch-bulgarischen Grenzübergang gestanden, in stiller Hitze. Gerüchteweise erfuhren wir: Zwischen dem willigen EU-Kandidaten Türkei und dem EU-Außenposten Bulgarien hatte es Friktionen wegen unseres Zugs gegeben. Eine Zolldeklaration hatte gefehlt und eine Waggon-Plombe. Das Problem hatte sich über Stunden hochgeschaukelt, bis am Ende "Sofia" und "Ankara" auf höchster Ebene die Dinge klärten.

Ach, Europa. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll: die Kunst der Organisation, welche diesen Kontinent mit einem einzigen Gleissystem versorgt hat – oder die Kunst der Bürokratie, welche glanzvoll den Sinn dieses Systems unterläuft. Der Stuttgarter Dramaturg Christian Holtzhauer, ein kaum zu überraschender Lakoniker, hatte die Idee zu dieser Reise. Er sagt: "Die Verständigung zwischen den Theatern war wunderbar. Die Verständigung der Bahngesellschaften untereinander: Katastrophe."

Man wünscht sich manchmal, der Orient-Express sei so eigensinnig und autark wie Henriette Bimmelbahn, jenes legendäre Kinderbuchzüglein, das weder Gleis noch Fahrplan braucht und sich seinen Weg allein bahnt. Die unerbittlichste Bürokratie, so der Dramaturg Holtzhauer, habe er bei der italienischen Bahn kennengelernt. Die habe 60000 Euro Streckengebühr für das Projekt und 6000 Euro Standgebühr pro Tag für den Zug verlangt. Deshalb habe man beschlossen, Italien zu umfahren.

Beim Frühstück im Speisewagen, zwei Stunden vor Bukarest, ergibt sich ein Gespräch mit Mustafa Avkiran, dem Regisseur des türkischen Stücks. Er leitet in Istanbul mit seiner Frau Övül das schon legendäre freie Theater Garagistanbul, eine Art Vorposten der Theateravantgarde in der Türkei. Das Stück Ex-Press ist eine Kollektivarbeit seines Ensembles. "Wir haben die Geschichten der Schauspieler gesammelt, und die Dramaturgin hat die Brücken zwischen den Einzelteilen hergestellt." – "Das Theater, das wir heute machen", sagt er in sehr gutem Deutsch, "hätten wir vor zehn Jahren nicht machen können. Mit einer relativ progressiven Regierung ging alles ganz schnell, wir wurden ein kleines Amerika. Nun haben wir eine konservative Regierung, und alles geht wieder einen Schritt zurück. Nun sind wir sehr verwirrt zwischen Ost und West. Wir wollen so gern wissen, wer wir sind."

Mustafa Avkiran ist ein stämmiger kahlköpfiger Mann. Er hat ein ausdrucksstarkes Gesicht und verfügt über eine wilde Mimik. Sein Charisma sichert seinem Theater das Überleben. Kaum ist der Orient-Express in Bukarest eingefahren, muss er seine Truppe allein lassen und nach Istanbul fliegen: Dort werden am nächsten Morgen zwei Folgen einer erfolgreichen türkischen TV-Soap gedreht. "Ich spiele", sagt Avkiran, "den bösen Mann. Wenn mein Gesicht auf dem Bildschirm erscheint, gehen die Quoten nach oben. Mein Gesicht ist der Sponsor unseres Theaters; es ermöglicht uns auch diese Reise."