Bukarest ist nach Istanbul eine Ernüchterung. In Istanbul hat man stets in Wassernähe und doch im Stadtzentrum gespielt. Nun, in Bukarest, spielt man am Stadtrand, abends herrscht das heisere Bellen der Hunde, Güterzüge donnern vorbei und machen lange Passagen der Stücke unhörbar. "In der Ceauşescu-Zeit hat jeder Rumäne davon geträumt, in diesen Zug einsteigen zu können und in den Okzident, den Westen, zu fahren", sagt der rumänische Regisseur Alexandru Boureanu, "deshalb heißt dieses Stück Occident Express." Nun gehört den Spielern vom rumänischen Nationaltheater Craiova der Bahnhof. Der Zug fährt ein, die Bühne senkt sich herab, und wieder quillt eine eigene Theaterwelt aus dem engen Waggon. Eine Garderobe und eine kleine Küche werden auf dem Bahnsteig errichtet, die Travestieszenen zeugen von großer Könnerschaft. Es muss alles schnell entfaltet und flink wieder verpackt werden, denn anschließend, bis Mitternacht, spielen noch die Türken – leider fast ohne rumänisches Publikum.

In einer Szene von Occident Express sitzen ein Kroate, ein Rumäne, ein Bulgare, ein Serbe, ein Bosnier, ein Ungar, ein Makedonier, ein Albaner nebeneinander auf einem Zaun. Alle, so die Regieanweisung, blicken ins Leere, nämlich nach Westen, ohne zu blinzeln. Da sagt der Bulgare: Ich persönlich weiß nicht, wie meine Nachbarn schimpfen. Ich weiß nicht, wie ein Ukrainer, ein Ungar, ein Serbe oder ein Bulgare schimpft. Aber ich weiß, wie die Amerikaner schimpfen. Und der Serbe assistiert: Fuck.

Wir haben viel, was uns verbindet, sagen der Albaner, der Serbe, der Kroate, der Makedonier, der Rumäne. Dann setzen sich alle ihre Kopfhörer auf und hören amerikanische Musik.

Auf dem Bukarester Flughafen Otopeni; der Rückflug hat Verspätung. Und der Reisende begreift, dass die Sehnsucht der Rumänen sich, auf unheimliche Weise, längst erfüllt hat: Die Amerikaner sind ja da. Das Gebäude ist voller US-Soldaten, 300 sind es mindestens. Sie tragen Tarnanzüge und bewegen sich langsam, als sei es Frevel, in solchen Anzügen schnell zu gehen. Die Marines blicken mit einem kühlen Stolz durch die Zivilpassagiere hindurch, als seien sie gar nicht wirklich da. Woher sie kommen, frage ich einen von ihnen. "Direkt von zu Hause." Wohin sie fliegen? "Afghanistan." Dann steigen sie hinab zu einem Gate im Untergeschoss, und das Geräusch der Stiefeltritte erfüllt die Flughafenhalle.

Der ehemalige Passagier des Theater-Orient-Expresses erlebt diese Szene mit einem klammen Gefühl. Man sollte, denkt er plötzlich, nicht so viel fliegen; man sollte noch viel mehr Zug fahren.

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