Pooh's Corner – Seite 1

Ich erzähle Ihnen schnell mein Bielefelder Lieblingserlebnis. Ich habe das inzwischen überall herumerzählt; da sehe ich nicht ein, weshalb ich es ausgerechnet Ihnen nicht auch erzählen soll.

HERR: Sie haben das Gedicht Deutung eines allegorischen Gemäldes von Robert Gernhardt viel schöner aufgesagt als Christian Quadflieg.

ICH: Was?? Christian Quadflieg hat Deutung eines allegorischen Gemäldes von Robert Gernhardt aufgesagt??

HERR: Nö.

Jetzt sagen Sie nicht, Sie kennen das Gedicht Deutung eines allegorischen Gemäldes von Robert Gernhardt (Fünf Männer seh ich / inhaltsschwer –, / wer sind die fünf? / Wofür steht wer? // Des ersten Wams strahlt / blutigrot –, / das ist der Tod, / das ist der Tod. // Der zweite hält die / Geißel fest –, / das ist die Pest, / das ist die Pest. // Der dritte sitzt in / grauem Kleid –, / das ist das Leid, / das ist das Leid. // Des vierten Schild trieft / giftignaß –, / das ist der Haß, / das ist der Haß. // Der fünfte bringt stumm / Wein herein –, / das wird der / Weinreinbringer sein.) gar nicht. Das kennt doch jeder.

Schön war auch, wie ich in Wolfenbüttel nach der Mikrofonprobe in der Künstlergarderobe des Veranstaltungszentrums KuBa auf der plattgearbeiteten Casting Couch lag , die Plakate der zahlreichen Cover-Gruppen betrachtete und dachte: "Wenn ich mit sechzehn geahnt hätte, daß ich mit vierundsechzig in der Künstlergarderobe des Wolfenbütteler Veranstaltungszentrums KuBa auf der plattgearbeiteten Casting Couch liegen und die Plakate der zahlreichen Cover-Gruppen betrachten würde, hätte ich sofort aufgehört, mir Sorgen um meine Zukunft zu machen." Und das, ohne Gitarre spielen zu können. Praktisch wie Madonna.

Auf dem Weg nach Rheinsberg dann zwischen Oranienburg und Löwenberg Triebwagenbrand mit Schienenersatzverkehr, d. h. ein schöner oller Bus namens Fahrschule und Busreisen, aus dem heraus wir rechts die eindrucksvolle Rauchsäule sehen können, die eigentlich uns zugedacht gewesen war, aber in Löwenberg ist dann alles aus, und wir Reisenden sonnen uns froh im Ungewissen. Hin und wieder kommt ein Zug, dann überschreiten wir den Gleiskörper, um den Zugführer nach seinen Reiseplänen zu befragen. Wenn wir das tun, läßt der Herr Stationsvorsteher, der ansonsten überhaupt nicht in Erscheinung tritt, per Lautsprecher von sich hören und jammert auf Merkel-Märkisch: "(Spotz) Och, diß darf doch nicht WAHR sein!" Welche haben einen Volleyball dabei, zwei Mannschaften sind auf Bahnsteig 201 (im Gegensatz zu Bahnsteig 101) rasch gebildet, und wenn der Ball ins Aus geht, betreten wir den Gleiskörper, um ihn zurückzuholen. Dann sagt der Herr Stationsvorsteher: "(Spotz) Och, diß darf doch nicht WAHR sein!" Vielleicht quengelt er ja auch nur, weil wir mit einem Volleyball Fußball spielen, aber wenn jemand ein Volleyballnetz dabeihätte, hätten wir das natürlich längst zwischen zwei Zügen aufgespannt, und der Oranienburger Kollege unseres zuständigen Stationsvorstehers könnte durchsagen: "(Spotz) Wegen eines Volleyballturniers auf dem Gleiskörper von Löwenberg nutzen Sie bitte, bis Sie was anderes von mir hören, den schönen ollen Bus namens Fahrschule und Busreisen. I repeat: Because of a volleyball tournament on the Löwenberg railway embankment please take advantage of the old bus that answers to the name of Driving School and Bus Travels. Wir danken für Ihr Verständnis thank you ebenfalls."

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Man kann sich natürlich auch unsportlich mit dem Auto abholen lassen, besonders wenn einem eine Dame ihr Handy leiht: "In einer solchen Notlage muß man sich doch gegenseitig beistehen." Das Auto kommt, ich frage die junge Frau, die neben mir auf dem Bänkchen – Leseland DDR! – Ludwig Renn liest, ob sie vielleicht eine Mitfahrgelegenheit nach Rheinsberg braucht, und sie fragt, ohne von ihrer Lektüre aufzublicken, rhetorisch:

"Und wie komme ich da wieder weg?"

Ich steige ein, sehe, daß die ehemals Reisenden wieder den Gleiskörper betreten, weil irgendwas ist, kurbele eilig das Fenster herunter, und zum Abschied von meinem Löwenberg erklingt es noch einmal, das zeitlos schöne "(Spotz) Och, diß darf doch nicht WAHR sein!"

Später erfahre ich, daß die Fußgängerunterführung zwischen Gleis 101 und 201, zu deren Benutzung uns der Herr Stationsvorsteher hatte anhalten wollen, einsturzgefährdet sein soll und im Volksmund "die Harnröhre" heißt.