Das Kunstmuseum Bonn hat sich auf die Fahnen geschrieben, nicht dem Zeitgeist hinterherzulaufen. Es will nicht zeigen, was alle haben – Gerhard Richter, Georg Baselitz und wie sie alle heißen, die Gralshüter der bundesdeutschen Nachkriegsmalerei. An ihre Stelle sollen jüngere und weniger bekannte Künstler rücken. Das klingt mutig. Nur kommt dieses Bekenntnis nicht ganz freiwillig. Ehrlicher müsste man sagen: Dem Museum ist der Zeitgeist einfach weggelaufen.

Vor zwei Jahren trennte sich das Haus nach langen Querelen von den Leihgaben der Sammlung Ströher, der größten und wohl auch wichtigsten Kollektion deutscher Kunst nach 1945. Der Abzug der bundesdeutschen Nationalmaler riss in dem Haus empfindliche Lücken. Was blieb und was stattdessen kam, ist jetzt zu sehen – nach einer Neuhängung, bei der fast nichts so blieb, wie es war.

Die deutsche Nachkriegsmalerei ist, erfährt man nach den ersten Sälen, dreierlei: groß, bunt und aus dem Westen. Ob Daniel Richter, Katharina Grosse oder Dirk Skreber, sie suhlen sich in Farbe, dass es einem vor den Augen flimmert. Auf eine chronologische oder kunsthistorische Hängung haben die Kuratoren verzichtet. Das Konzept besteht vielmehr darin, jedem Künstler einen Raum zu widmen und mit einem Gegenbild ästhetisch abzuschmecken. Neben einem Bild mit Vase von Sigmar Polke steht eine – genau: Vase von Rosemarie Trockel.

Das alles wirkt frisch und bunt, doch ohne rechten Zusammenhang. Ist der Knalleffekt der ersten Räume erst verhallt, reiht sich Kabinett an Kabinett, die Arbeiten werden kleiner und dunkler, als sei dem Museum die Puste ausgegangen. Nach Wolfgang Tillmans Fotografien folgt rasch ein unveränderter Saal mit Hanne Darbovens eigenbrötlerischen Konzeptarbeiten, bis die Kunst im letzten Saal schließlich aufatmet – in einer Kammer, die Wolfgang Laib von oben bis unten mit duftendem Bienenwachs getäfelt hat. So herrlich schmiert wahrlich kein anderes Museum seinen Besuchern den Honig ums Maul.

Ostdeutsche Künstler sucht man hingegen vergeblich, nicht einmal die Neo-Ossis der Leipziger Schule sind vertreten. Eine Lücke, die den Direktoren bewusst ist. Sie verweisen auf das fehlende Budget, um sie zu stopfen. Und behelfen sich mit Künstlern, die noch bezahlbar und auch durchaus ausstellenswert sind. In einem kleinen Raum bietet etwa das junge Duo Gert und Uwe Tobias eine humorvolle Neuauflage des russischen Suprematismus, in der die gestrengen Dreiecke und Quadrate eines Malewitsch munter durcheinanderpurzeln.

Die ständige Sammlung wird jünger – die Künstler der Sonderausstellungen scheinen dagegen älter zu werden. Auch hier heißt die Ansage: kein Mainstream. Es sei sein Ziel, erklärt Stephan Berg, Intendant des Hauses, sich von dem "jugendfixierten Aktualitätsdruck des Ausstellungswesens" zu befreien und Künstler zu zeigen, die beharrlich aus der zweiten Reihe wirken. Zu dieser Gruppe gehört Raimund Kummer. Kummer ist Jahrgang 1952 und Bildhauer von dem Typus, der seine Widerborstigkeit pflegt. Bildhauer wie Kummer oder auch Olaf Metzel haben etwas von den angry old men des Kabaretts, ihre Kunst wirkt nicht selten übertrieben, gar neurotisch. Sie gehören zu jenen Bildhauern, die glauben, dass Kunst die Welt verändern könne; und meinen, viel mehr dafür zu tun als andere, denn sie schweißen ja und schleppen und meißeln im Schweiße ihres Angesichts, und ihre Hände haben Schwielen. Deshalb sind sie wie ihre Werke: stabiler, wetterfester. Maler hoffen eher, dass ihre Kunst die Kunst revolutionieren könne. Maler tragen ihre Bilder in schützende weiße Kammern. Bildhauer wie Kummer setzen sie dem sauren Regen aus.

Kummer ist eine ideale Gegenbesetzung im Bonner Malermuseum. Seine Werke entstanden in ziemlich genau demselben Zeitraum wie die Bilder, die nebenan hängen. Auch wenn die Schau auf Chronologie verzichtet, man muss nur auf die Entstehungsdaten gucken, und es entrollt sich ein kunsthistorisches Panorama der jüngeren Zeit, eines, das man nebenan bei den Malern vermisst.