Die Geschichte mit der Brieftasche ist wirklich so passiert. Eines Morgens lag sie auf dem Pflaster, direkt vor der Haustür. Beim Versuch, sie aufzuheben, fiel ihr auch schon der Inhalt entgegen: ein alter Streifen Kaugummi, eine Rechnung über ein Paar Lederstiefel, ein gerade erst abgelaufener Ausweis mit einem Bild und einem Datum: geboren im Winter 1953. Als sie die Gegenstände vor sich auf den Boden ihres Appartements ausbreitete, ergab das eine Art Orakel, eine Fantasie über eine unbekannte Person. "Das heißt aber nicht", sagt Regina Spektor, "dass meine Songs autobiografisch wären."

Es ist nur so, dass ihr ständig solche Dinge passieren. Sie ist mit jemandem verabredet, trifft aber jemand ganz anderen. Sie sucht in ihrer Lieblingsbuchhandlung einen Roman, stößt aber auf einen Gedichtband. Sie schaut eine Castingshow im Fernsehen, doch statt sich einfach zu amüsieren, stellt sie sich vor, es gäbe eine Wahl zum "Human Of The Year", und der Mensch des Jahres trüge den schönen Namen Karl Projectorinski. Eins kommt zum andern in den Songs der Regina Spektor, "es ist, als würde ich komische Zufälle anziehen", sagt sie. Man kann es auch verbindlicher ausdrücken: Regina Spektor hat einen Sinn für die Poesie des Alltäglichen. Statt Lieder zu schreiben, stoßen sie ihr einfach zu.

Far heißt das jüngste Album der New Yorker Musikerin, das Cover zeigt – eine Spur zu geschmäcklerisch vielleicht – ihre zierliche Gestalt vor einem Flügel, in dem sich der Himmel spiegelt. Man versteht schon, warum sie mit anderen singenden Pianofrauen in Verbindung gebracht wurde, mit Tori Amos etwa oder der hypersensiblen Fiona Apple: Die Melodien, die sie ihrem Instrument entlockt, haben etwas Verträumtes, Hingeworfenes, als sei es eine ihrer leichtesten Übungen, vom Kleinsten zum Allergrößten zu gelangen, einmal von der Straße zum Weltall und zurück, doch konfessionelles Songwriting, in dem eine schöne Seele sich in wohlgesetzte Verse ergießt, betreibt Regina Spektor gerade nicht. Bei aller Süße sind ihre Songs von seltsamen Gestalten bevölkert, die ähnlich schwer zu fassen sind wie ihre Person.

Es gibt die klassisch ausgebildete Pianistin Regina Spektor, und es gibt eine Regina Spektor, die mit Beatles-Songs im Ohr groß wurde, es gibt eine bürgerliche Tochter und einen derben, Bierflaschen in einem Zug leerenden Punk. Hinter diesen eher offensichtlichen Figuren findet sich aber auch eine Autorin mit Sinn fürs Absurde und – man hört es noch am Akzent – ein jüdisches Mädchen, das im Alter von neun Jahren mit seinen Eltern von Moskau nach New York kam. Regina Spektor ist ein wenig wie die Matrjoschkas, die auf ihrem Album Soviet Kitsch zu sehen sind: In der einen Person scheint immer noch eine andere zu stecken. Vielleicht bedeutet Far auch, dass hier jemand von sehr weit draußen hereingeschneit kommt und sich Jahre später noch vor Verwunderung die Augen reibt.

"Legal Alien" stand auf ihrem ersten Pass, das hat sie sich gemerkt, damals, als ihre Familie in die Bronx zog. Sie weiß auch noch, dass sie anfangs gar nicht wusste, was das ist, eine legale Zuwanderung, denn Englisch musste sie erst lernen. "Ich war unfassbar ahnungslos", erzählt sie, "ich wusste nicht, dass Led Zeppelin eine berühmte Hardrockband sind, ich hatte noch nie von David Bowie gehört oder von Bob Dylan." Dafür kannte sie Tschechow, Gogol und Kafka, sie kannte Rachmaninow und Chopin und liebte die Lieder von Wladimir Wyssotzki, dem melancholischsten aller russischen Trinkerpoeten. Außerdem hat es seine Vorteile, wenn man sich die Welt von Grund auf neu zusammenbuchstabieren muss. "Als Einwandererkind", sagt Regina Spektor, "lernt man, dass alle Grenzen künstlich sind."