Tausend Jahre traumzersponnen, / Schliefst Du, Gladbeck, weltentronnen. / Deutschlands stolzer Siegeslauf / Dröhnt Dich donnernd wach, Glück auf!" Fast hundert Jahre sind diese Verse alt, lange schmückten sie das Gladbecker Rathaus, damals, als der Lärm der Industrialisierung noch eine Verheißung war. Das Ruhrgebiet, so ging die Mär, war endlich aus seinem langen Schlaf erwacht, um nun munter in die Hände zu spucken und energisch das Bruttosozialprodukt zu steigern. Heute ist es längst wieder stiller an Ruhr und Emscher. Der Mond von Wanne-Eickel versilbert träumende Gewässer, auf denen Wasserlilien schaukeln. Viele Orte des Ruhrgebiets erinnern mit ihrem mürben Charme an Kurorte, die aus der Mode gekommen sind. Stillgelegte Fabrikanlagen werden als liebevoll gepflegte Idyllen erhalten; vergessen ist die einst drohende, unsaubere Monumentalität der Werkbank des Deutschen Reiches.

Dennoch wird im Ruhrgebiet in der nun schon Jahrzehnte währenden Strukturkrise immer noch vom Revier gesprochen, und gerne beschwört man die sogenannte Industriekultur, sobald man sich verstehen oder sich anderen verständlich machen möchte. Dazu gehört die Idee, dass Arbeit den Menschen nicht von sich selbst entfremdet, sondern ihm erst zum Bewusstsein seiner Würde verhilft. In diesem Sinne sollte der Malocher zum denkenden, selbstständigen Arbeiter werden. Ernst Jünger wollte im Arbeiter sogar einen neuen Aristokraten erkennen, und klassizistische Sozialisten sprachen von Helden der Arbeit. In postindustriellen Zeiten ist das nicht mehr möglich, weil keiner mehr arbeitet, die Menschen machen höchstens einen guten Job, sofern sie einen haben. Der Job hat nichts mehr mit dem Ethos humanistischer Solidarität zu tun.

In der Besinnung auf die entschwundene Zeit schwerer Maloche äußert sich ein Heimweh nach dem ehemaligen, sittlichen Begriff von Arbeit. "Alles, was der Mensch treibt, kultiviert ihn", vermutete schon Goethe. Und insofern war es gar nicht so fantastisch, zu hoffen, dass Arbeit humanisiert und deshalb kultiviert. Die Schachttürme des Bergbaus waren festliche Zitate der Festung Sewastopol. Und sogenannte Malakowtürme wurden wehrhaft und backsteintrutzig für verschiedene Zechen errichtet und sollten in einer burgenreichen Landschaft die Ruinen der Feudalzeit überholen. Es waren neue, in reichem Stil errichtete Ritterburgen des Nutzens, die "aus dem Wald oder Busch oder in lachendem Gefilde" hervorragen, wie es in der Fachzeitschrift Stahl und Eisen 1882 hieß.

Damals fühlte man sich allen Vorzeiten weit überlegen, war aber unsicher, sobald es das Schöne betraf. Fabrikbauten und Kasernen, die neuen Gefäße der Askese und Disziplin, ahmten nicht selten die Klöster alter Epochen nach, begriffen sie als Arbeitshäuser, die sie ja auch durchaus gewesen waren. Mit der Zeche Zollverein in Essen – mittlerweile Weltkulturerbe – wurde das Arbeitshaus gegen Ende der Weimarer Republik sogar zu einem imponierenden Palast der Rationalität und Sachlichkeit ausgebaut, der ganz selbstverständlich um einen cour d’honneur organisiert ist, in den nicht mehr vergoldete Kutschen fahren oder Sänften mit parfümierten Abbés oder sehr koketten Damen hineingetragen werden. In diesem Ehrenhof passiert gar nichts; er ist monumentaler Ausdruck der Arbeitskraft, der Energie und Dynamik. Die Zeche Zollverein war ein nationales Monument. Sie dokumentierte mit ihrer pathetisch gesteigerten Architektur, dass das Ruhrgebiet insgesamt Deutschlands Ehrenhof ist, in dem nicht mit müßigem Tand gespielt wird, wo vielmehr der Arbeiter, ohne viel zu fragen, die Ehre und Freiheit der Republik verteidigt zum Wohle des alle verpflichtenden Vaterlandes.

Das Ruhrgebiet konnte nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal damit rechnen, von den Westdeutschen unbedingt gebraucht zu werden. Das Wirtschaftswunder empfing von hier aus seine mitreißende Dynamik. Der bayerische Staat, um 1960 noch auf Ausgleichszahlungen der reicheren Bundesländer angewiesen, finanzierte den Wiederaufbau seines prächtigen Opernhauses in München unter anderem mit Steuergeldern der damals gut verdienenden Arbeiter in Essen, Dortmund oder Bochum. In München spottete man allerdings undankbar mit dem Wiener Georg Kreisler: "Wo ist der Kinobesuch und der Alkoholismus erheblich? / Wo ist die Bettwäsche grau und die Seifenreklame vergeblich? / Wo verspottet man Diogenes, weil er zufrieden war mit einer Tonne? / Wo wird der Vierjahresplan erfüllt, alle vier Jahre sehen wir die Sonne?" Natürlich nur "bei uns in Gelsenkirchen"!