Seit Kurzem ist es offiziell: Physiker in Darmstadt haben das anerkannt schwerste Atom der Welt hergestellt. Damit bekommt ein Wissenschaftskrimi, der vor 13 Jahren begann, endlich sein Happy End. Forscher aus Deutschland, Russland, Finnland und der Slowakei waren an den Experimenten beteiligt. Andere versuchten ihnen zuvorzukommen, zwischendurch flog ein Datenfälscher auf. Nun wird das Periodensystem um Element 112 erweitert, ein Metall, das unterhalb von Quecksilber und neben Roentgenium (111) steht. Jetzt durften die stolzen Entdecker für ihr umkämpftes Baby einen Namen vorschlagen: Sie einigten sich auf "Copernicium" mit dem chemischen Symbol "Cp", zu Ehren des Astronomen Nikolaus Kopernikus.

Früher suchten Alchemisten nach dem Rezept für Gold. Heute suchen Schwerionenforscher nach superschweren Elementen jenseits des bereits zu Zerfall neigenden Urans, nach sogenannten Transuranen. Ihre Hexenküchen sind Teilchenbeschleuniger. Einer davon steht bei der Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI) in Darmstadt. Die Konkurrenten forschen in Dubna bei Moskau, in Berkeley (Kalifornien) und Japan.

Anhand der sehr labilen, superschweren Elemente können die Wissenschaftler ihre theoretischen Atommodelle testen und deren Chemie besser verstehen. Insbesondere suchen sie nach der "Insel der Stabilität", einer Region auf der Landkarte der Elemente, in der besonders schwere und dennoch relativ stabile Exemplare beheimatet sind, die nicht blitzartig wieder radioaktiv zerfallen. Solche Elemente waren bislang weder auf der Erde noch im All nachweisbar. Deshalb muss man versuchen, sie künstlich herzustellen. "Mit Element 112 haben wir den Strand dieser Insel erreicht", sagt der Chemiker Andreas Türler von der Technischen Universität München. Wo die höchsten Inselberge liegen, wisse allerdings niemand.

Das Backrezept für Element 112 klingt sehr einfach: Man schieße zwei schwere Elemente aufeinander, deren Protonenzahl sich zu 112 summiert, und hoffe, dass beide Atomkerne zu einem verschmelzen. Bei der GSI bombardierten die Physiker Blei (82 Protonen) mit Ionen von Zink (30 Protonen). In der Praxis ist das mühsam. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Atomkerne frontal aufeinanderprallen und dabei verschmelzen, ist äußerst gering. Außerdem überleben die meisten superschweren Atome bislang nur Sekundenbruchteile, bevor sie in leichtere Elemente zerfallen.

Eine Woche lang mussten Sigurd Hofmann und seine Kollegen 1996 warten, bis sie in ihrer Datenfülle eine verdächtige Spur entdeckten. Eine charakteristische Abfolge von radioaktiven Zerfallssignalen deutete darauf hin, dass ein Atom von Element 112 für kurze Zeit existiert haben musste, bevor es in leichtere Elemente zerfiel. Tage später fanden sie eine weitere Indizienkette. Zwar gab es Unstimmigkeiten zwischen beiden Messungen, die Physiker veröffentlichten sie trotzdem. Was damals niemand ahnte (bis auf einen): Hofmanns Mitarbeiter Victor Ninov hatte die erste Datenreihe gefälscht. Um ein aussagekräftiges Ergebnis vorzugaukeln, hatte er einfach Rohdaten am Computer ergänzt.

"Außer Ninov hat da niemand reingeguckt", sagt Hofmann heute. "Das Ausdrucken der Daten war nur ein Printbefehl." Erst als die GSI-Forscher ihre Experimente im Jahr 2000 wiederholten und die alten Daten prüften, fiel ihnen die Fälschung auf. Sie widerriefen die inkriminierte Datenreihe von 1996 – und fanden prompt ein weiteres Exemplar von 112. Im gleichen Jahr wurde Ninov von der Konkurrenz in Berkeley gefeuert, wo er erneut Daten gefälscht hatte.

Nachdem japanische Forscher ebenfalls einige Atome von Element 112 erzeugen konnten, was die Entdeckung bestätigte, wird sie nun von der Internationalen Chemiker-Union offiziell anerkannt. 20 Namensvorschläge wurden bei der GSI diskutiert, alle geheim. Heraus kam "Copernicium" – eine gute Wahl.

Denn das Periodensystem musste schon allzu oft für lokalpatriotische Eitelkeiten herhalten, einige der neueren Elemente heißen Dubnium, Berkelium, Californium, Darmstadtium und Hassium (für Hessen). Origineller wäre allenfalls der Vorschlag eines Feuerwehr-Bloggers gewesen: Zu Ehren der europaweiten Notrufnummer, schrieb er, solle man 112 "Vigilium" (Wache) taufen.