Hunger
Das hätte man am wenigsten erwartet: dass die Wirtschaftsmisere auch den Hunger in der Welt verschlimmert. Dafür gibt es aber immer mehr Zeichen. Die Welternährungsorganisation der UN sagt voraus, dass in diesem Jahr jeder sechste Erdenbürger Hunger leiden wird – ein trauriger Rekord. Die G-8-Staaten wollen bei ihrem Treffen in L’Aquila in dieser Woche eine Initiative für eine sicherere Versorgung mit Nahrungsmitteln starten.

Die Entwicklung ist überraschend, weil die Weltnahrungsmittelpreise in der Krise gesunken sind. 2008 gab es gute Ernten, 2009 sollen sie ähnlich gut ausfallen. Die sinkende Nachfrage nach Fleisch und Milch drückt die Preise – auch für das Getreide, das in guten Zeiten teilweise an Tiere verfüttert wird. Der niedrigere Ölpreis nimmt ebenfalls Druck vom Agrarmarkt, denn neuerdings konkurrieren ja die Produktion von Nahrung und die von nachwachsenden Treibstoffen um die gleichen Ackerflächen.

Doch in einigen Entwicklungsländern sind die Lebensmittelpreise deutlich über dem Weltmarktniveau geblieben; da funktioniert der Markt offenbar nicht. Zugleich sind viele Menschen arbeitslos geworden und können sich trotz gesunkener Preise nicht mehr genügend Nahrungsmittel leisten. Bauern in der Ukraine und Brasilien klagen, dass sie wegen der Finanzkrise weniger Kredite für Aussaat und Dünger bekämen.

Womöglich kommt derzeit gerade ein weiterer Faktor hinzu: Einige Investoren aus der reichen Welt haben in sogenannten land grabs die Finanznot genutzt, um gewaltige Ackerflächen in armen Ländern aufzukaufen. Es ist noch unklar, ob das zu Unterbrechungen der landwirtschaftlichen Produktion führt – und in welchem Umfang auf diesen Flächen überhaupt künftig Nahrungsmittel angebaut werden. Thomas Fischermann