Autoindustrie
Mit jedem Auto seien 1800 Euro weg. So viel verliere die Automobilindustrie bei jedem verkauften Fahrzeug, rechnet die Beratungsgesellschaft Alix Partners vor – in diesem Jahr, im weltweiten Durchschnitt. Schnelle Besserung sei nicht in Sicht. Die Fabriken seien kaum ausgelastet und frühestens 2014, prognostiziert Alix Partners, erreiche die Autobranche das Absatzniveau des letzten Jahres vor Beginn der Krise (2007). Entsprechend schlecht steht es nach Ansicht von Alix Partners um die Finanzen der Unternehmen. Bis Ende dieses Jahres seien die in den Vorjahren erwirtschafteten liquiden Mittel weg, 2010 werde die Branche dramatisch ins Minus rutschen.

Auch die deutschen Automobilkonzerne konnten sich dem Einbruch der globalen Märkte nicht entziehen. Sie stellten 2008 weltweit elf Millionen Pkw her, davon vier von fünf für ausländische Kunden. Knapp die Hälfte der Autos wurde in deutschen Fabriken montiert. Auch dort ist die Krise längst angekommen: Nur noch 2,3 Millionen Pkw wurden im ersten Halbjahr in den einheimischen Werken von Volkswagen, Daimler, BMW, Audi, Opel, Ford und Porsche montiert – 24 Prozent weniger als im Vorjahr. Bei den Transportern und schweren Lkw hat sich die Produktion sogar halbiert. Wie ihre internationalen Mitstreiter fuhren fast alle deutschen Autokonzerne im ersten Quartal in die roten Zahlen. Gewinne schrieben nur der VW-Konzern, ganz knapp, und Porsche. Das zweite Quartal dürfte kaum besser aussehen.

Von einem "Tal der Tränen" spricht Matthias Wissmann, der Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Den Pessimismus der Berater von Alix Partners mag man dort allerdings nicht teilen. Zwar sei die weltweite Absatzkrise der Automobilindustrie noch nicht beendet, "aber wir sehen erste Anzeichen dafür, dass die Talfahrt gebremst ist". Konkret: Es werden zwar immer noch deutlich weniger Autos verkauft, aber die Minusraten werden geringer, wie BMW und Daimler melden.

Dass der VW-Konzern bislang vergleichsweise glimpflich davonkam, hat zum einen mit seiner Stärke auf dem einzigen verbliebenen Wachstumsmarkt China zu tun, zum anderen mit der mittlerweile in 13 europäischen Ländern eingeführten Abwrackprämie. Die hilft aber nur beim Absatz von kleineren Fahrzeugen, weshalb Marken wie Mercedes, BMW oder Porsche davon nicht profitieren. Dass der Pkw-Absatz hierzulande von knapp 3,1 Millionen (2008) in diesem Jahr wohl auf "mehr als 3,5 Millionen" (VDA-Prognose) steigen wird, ist allein Folge der Prämie. Der Haken: Im nächsten Jahr, wenn die Abwrackprogramme auslaufen, fehlen viele der jetzt vorgezogenen Käufe. Im VW-Konzern befürchten manche schon einen Einbruch auf 2,6 Millionen verkaufte Neuwagen hierzulande.

Dass die Stammbelegschaften in den letzten zwölf Monaten nur um 17.800 auf 729.800 Mitarbeiter (April) schrumpften, hat vor allem zwei Gründe. Zum einen hatten etwa Daimler, VW und BMW in den Vorjahren schon etliche Tausend Mitarbeiter "sozialverträglich" abgebaut, zum anderen half die Kurzarbeit (März: knapp 200.000 Betroffene). Nicht in der Statistik tauchen bis zu 100.000 Zeitarbeiter auf, die fast komplett abgebaut sind. Jetzt hofft der VDA schon wieder auf eine "leichte Belebung" im kommenden Jahr. Die Auslandsaufträge sollen es richten.

Ob das reicht, um die Stammbelegschaften zu halten, ist allerdings fraglich. Schließlich war die Personalplanung bis zum Sommer 2008 noch auf Wachstum ausgerichtet. Branchenexperten befürchten, dass in den kommenden Jahren bis zu 100.000 Stammkräfte in Deutschland gehen müssen, vor allem bei Zulieferern. Dietmar H. Lamparter