Russland
In Russland spitzt sich die Krise zu. Doch die Regierung setzt vor allem auf eine Parole: Durchhalten und auf bessere Zeiten hoffen. Das ist ein gefährliches Spiel. Russlands Wirtschaft dürfte 2009 um sechs bis acht Prozent schrumpfen. Die Devisenreserven, noch immer die drittgrößten der Welt, könnten Mitte 2010 aufgebraucht sein. Das staatsdominierte System der Rohstoffproduktion stellt nicht gut genug Hochwertiges her. Und allgemein sind Rohstoffe gerade zu billig, um richtig Geld ins Land zu bringen.

Zwar steigt der Ölpreis neuerdings wieder, aber Grund zum Jubeln ist das allein nicht. Gerade der verleitet die russische Regierung nämlich zu der Hoffnung, die Krise werde rasch vorüberziehen, und dann kämen wieder genügend Petrodollar herein. Das staatliche Antikrisenprogramm geht kaum gegen die Wachstumsschwäche vor, die im Vergleich mit anderen aufstrebenden Volkswirtschaften wie Brasilien, Indien und China tiefer sitzt. Es soll vor allem die sozialen Krisenfolgen abmildern. Zu kurz kommen Reformen für mehr unternehmerische Freiheit, eine Diversifizierung der Wirtschaft, eine unabhängige Justiz, ein modernes Bildungssystem, eine funktionierende Gesundheitsfürsorge und die Korruptionsbekämpfung.

Dabei ist ein Ende der Weltwirtschaftskrise (und ein weiterer Anstieg der Ölpreise) keineswegs ausgemacht. Und Russland selber droht im bevorstehenden Winter eine zweite Krisenwelle, weil dann der Anteil der faulen Kredite vieler Banken auf 15 Prozent ihres Kreditvolumens oder mehr steigt. So schätzen es jedenfalls etliche Experten ein. Die Angst vor Bankenpleiten macht die Entscheider am Finanzmarkt sehr vorsichtig. Dollarkredite kosten nun 14 Prozent Zinsen, Rubelkredite sogar 25 Prozent. Es fehlt das billige Geld, das den Boom der vergangenen Jahre ermöglichte.

Lichtblicke? Die Landwirtschaft, die als Getreideexporteur glänzt. Die von Februar bis Juni gestiegenen Börsenkurse. Die leicht gesunkene Arbeitslosigkeit; sie liegt bei etwa zehn Prozent. Aber die Zahl der Arbeitslosen ist in Russland weniger ausschlaggebend als ihre Zusammensetzung: Betroffen sind vor allem "Monostädte", in denen es nur ein dominierendes Unternehmen gibt. Johannes Voswinkel