Ein Gespenst geht um in den deutschen Feuilletons – das Gespenst von Stefan George. Vor Kurzem noch hätte es niemand für möglich gehalten, dass der Meister eine so brausend gefeierte Auferstehung jemals erleben könnte. Nachdem ich mich 1994 anschickte, die erste, nicht von einem Adepten verfasste Biografie über George zu schreiben, bin ich immer wieder misstrauisch gefragt worden: "Warum?"

Es bleibt eine gute Frage. Warum schreibt man über den Dichter, der wie kein anderer eben dasjenige so furchtbar vorzuzeichnen schien, was Deutschland in den Abgrund trieb? "Euch all trifft tod", hat er eisig gepredigt. "Schon eure zahl ist frevel" lautet die wenig Trost spendende Begründung. Allzu oft begegnet man bei George Versen, die einem blutigen Strafgericht gleichen: "Zehntausend muss der heilige wahnsinn schlagen", verkündet die zischende poetische Stimme. "Zehntausend muss die heilige seuche raffen / Zehntausende der heilige krieg." Auch das "ärgste", was es gäbe – die "Blutschmach" –, soll mit ärgsten Mitteln bekämpft werden: "Stämme / Die sie begehn sind wahllos auszurotten."

Das sind bekannte, berüchtigte Zeilen. Doch was sie genau bedeuten, scheint sich nach wie vor eines weniger geläufigen Einvernehmens zu erfreuen. Die alte Gewissheit, dass George und seine Ideologie maßgebliche Wegbereiter waren für genau das Verhängnis, das er vorauszuahnen vorgab, weicht einer neuen Nachsicht. Heute werden seine düsteren Beschwörungen von Totschlag und Zerfall eher als warnender Mahnruf verstanden. Und doch: Die Unsicherheit, ob George eine gefährliche Verherrlichung der skrupellosesten Machtausübung lieferte oder nur kalten Auges das Teuflische an die Wand malte, ändert nichts an der Tatsache, dass seine Gedichte einige der schrecklichsten Visionen von Grausamkeit und Vernichtung bergen, die die abendländische Literatur aufzubieten hat.

Der jüngste Versuch, George wieder salonfähig zu machen, wenn nicht als Leitfigur einer untergegangenen Kultur, so doch als Beihelfer einer bewundernswerten Tat, kommt aus der Feder seines neuesten Biografen Thomas Karlauf. Die These lautet: George und seine Ideale hätten Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944 zum Attentat auf Hitler angespornt und ermutigt.

Die Indizien scheinen auf der Hand zu liegen. War es doch George, der seit ihrer Begegnung im Jahre 1923 das geistige Zentrum in Stauffenbergs Leben bildete; George, dessen Gedichte, auf Drängen Stauffenbergs, unter den Verschwörern als Kennworte aufgesagt wurden; George, um den sich jenes "geheime Deutschland" ehemals gruppierte, worauf sich Stauffenberg mit seinen letzten Worten angeblich berief. Der große Dichter, so drängt sich die fast unwiderstehliche Folgerung auf, muss also den entscheidenden Impuls gegeben haben, damit Stauffenberg als Einziger das riskieren konnte, was alle anderen zu tun unterließen. "Verschwörung, Umsturz, Staatsstreich gehörten zu den zentralen Vorstellungen seines Weltbildes", schrieb Karlauf über George in der FAZ anlässlich des hundertsten Geburtstages von Stauffenberg. "In diesem Ethos hatte George seine jungen Freunde erzogen."

Das klingt so weit beruhigend, ja beachtenswert. Doch bei näherem Hinsehen gerät das erbauliche Bild erheblich ins Wanken. Schaut man zum Beispiel in die Wortkonkordanz zur Dichtung Stefan Georges, die die 18-bändige Gesamtausgabe seiner Werke erfasst, so sucht man vergebens nach den Stichwörtern "Verschwörung", "Umsturz" oder "Staatsstreich". Keines taucht auch nur ein einziges Mal auf. Ebenso fehlen "Aufstand", "Putsch" und "Komplott"; nirgends findet man "Attentat", "Revolution", "Umwälzung" oder dergleichen.

Das sollte aber kaum wundernehmen. Denn tatsächlich hatten solche Begriffe keinen Platz in dem Wertesystem Georges, weder im politischen noch im persönlichen Bereich. Genauer: Sie stellten ausschließlich negative Werte dar. Als oberstes Prinzip in Georges Ethik galt vielmehr die absolute Treue; umgekehrt war der Verrat das schlimmste Vergehen. Zeitlebens bestand George auf der bedingungslosen Gefolgschaft und forderte die vollkommene Anerkennung seiner Rolle als Herrscher und Meister. "Ich bin freund und führer dir und ferge" heißt es programmatisch in einem Gedicht. Wichtiger noch, einmal geschlossen, blieb der Bund lebenslänglich verbindlich: "Wer je die flamme umschritt / Bleibe der flamme trabant!"