Dieser Film ist eine Täuschung. Er erzählt von den Abenteuern Harry Potters, wie sie in den Büchern von Joanne K. Rowling beschrieben sind, und gibt alles, um sich als solide Kinoproduktion zu verkaufen. Das klappt sogar halbwegs. Aber Potter-Fans haben trotzdem allen Grund, böse zu sein.

Man erinnere sich nur an den wunderbaren Einfallsreichtum der ersten Potter-Filme: Begierig, gekauft zu werden und endlich zum Einsatz zu kommen, schossen in Olivanders Zauberladen die Zauberstäbe aus den Regalen. Da kullerten Bonbons mit Popelgeschmack aus den Provianttüten, zogen ehrwürdige Ahnen auf alten Gemälden ungnädige Schnuten, bogen sich die Tische der Zauberschule unter den tollsten Kuchen und Limonaden und zeigte Mama Weasleys Uhr die Gefahrenlage der einzelnen Familienmitglieder an. Mithilfe smaragdgrün verglühenden Flohpulvers reisten Harry und seine Freunde von Kamin zu Kamin, wir sahen Eulen starten und landen und verhexte Autos fliegen – Letzteres allerdings nicht immer sehr überzeugend. Zugegeben, die Tricktechnik war anfangs lausig. Wenn die Zauberschüler Quidditch spielten und auf ihren Besen durch die Lüfte sausten, hörte man förmlich die Computer ächzen. Aber es war wie mit dem Plastikfolienmeer der Augsburger Puppenkiste: Solange man nur heftig genug mitfieberte, war die Technik egal. Bei Professor McGonagall, die sich im Buch in eine Katze verwandeln konnte, sah man im Film, dass da immer mal wieder etwas nicht stimmte – doch exakt solche Pannen passieren ja auch den Zauberschülern selber. Wenn man für die Prüfung eine Teekanne in eine Schildkröte verwandeln soll und wenn diese Schildkröte nachher noch Wasserdampf auspustet, dann gibt es halt Punktabzug.

Trotzdem blieb es Zauberei! Und das kann man von Harry Potter und der Halbblutprinz eben nicht sagen. Sicher, er erzählt korrekt die Handlung des Buchs. Wir haben es mit dem sechsten Teil zu tun, dem vorletzten also; und in ihm wirft Rowling mehr neue Rätsel auf, als sie an alten zur Lösung bringt.

Dass die Figuren ab und zu zaubern, erscheint hier fast wie ein Unfall

Noch bevor Harry und seine Freunde Ron und Hermine nach den Sommerferien ins Zauberinternat Hogwarts aufbrechen, haben Anhänger des bösen Lord Voldemort bereits die normalen Menschen, die Muggel, attackiert: Der Schutzschild, mit dem die Magier ihre Welt vor den Blicken der Muggel schützen, bekommt Löcher. Anscheinend haben die Angreifer auch einen Weg gefunden, die magischen Wälle von Hogwarts selbst zu durchbrechen. Schulleiter Dumbledore, dessen starke Zauberkräfte bisher für die Sicherheit seiner Schüler sorgten, muss zugeben, das eine solche Garantie nicht mehr existiert. Harrys Widersacher Draco Malfoy paktiert mit den Bösen, und Professor Snape, von Anbeginn verdächtig, ein Wackelkandidat zu sein, schwört Voldemorts Gefolgschaft einen "unbrechbaren Eid". Nie kämpften Harry und seine Freunde auf so verlorenem Posten, nie war es schwieriger zu wissen, wer auf wessen Seite steht.

All das präsentiert der Film durchaus spannend. Und er hat auch schöne Bilder vorzuweisen. Wahnsinn, diese tosende Brandung vor Schottlands Küsten. Wundervoll, wie die Kamera mit steinernen Säulen und Torbögen spielt. Erhaben, wie sich der Hogwarts-Express durch die rotgoldenen Highlands zieht. Aber da sieht man schon, dass etwas schiefläuft: Hogwarts’ Mauern und Zinnen sind nicht per se prächtig, sondern weil in dieser Zauberschule Gut gegen Böse kämpft. Und wenn man den Expresszug sieht, muss es einen überall kribbeln vor Verheißung, weil er eben nach Hogwarts fährt. Es kann ja wohl nicht angehen, dass sich der Zuschauer in der Schönheit irgendeiner schottischen Architektur oder Vegetation verliert!

Das Geschehen und sein magischer Rahmen, sie sind in diesem Film nur lose verbunden. Was Regisseur David Yates hier – handwerklich völlig sauber und filmisch sicher besser als in manchem Vorgängerfilm – inszeniert hat, sind allgemein menschliche Themen und Dramen um Loyalität, Verdacht und Verrat. Gewiss, die Kulissen sind etwas ungewöhnlich. Auch die Waffen. Dass die Figuren ab und zu zaubern, erscheint hier fast wie ein Unfall. Ohnehin wird wenig aus der magischen Welt gezeigt. Keine Bonbons, keine neuen Fabelwesen, kaum Zaubertränke, nicht mal die im Buch vorkommende Begegnung von Mitgliedern des Zaubereiministeriums mit Politikern aus der Menschenwelt. Schön hätte sich mit dieser Szene zeigen lassen, wie plausibel Rowling immer wieder die menschliche Logik mit der magischen kreuzt. Der britische Premierminister zum Beispiel ist – im Buch – fassungslos, als ihm ein Zauberer vom finsteren Lord Voldemort und seinen Anhängern erzählt. "Aber um Himmels willen", ruft der Premier, "Sie sind Zauberer! Sie können zaubern! Sie können doch sicher – na ja – alles in den Griff kriegen!" Und wird trocken belehrt: "Das Problem ist nur, die andere Seite kann ebenfalls Magie."

Rowlings Geheimnis ist das Erfinden verborgener Türen und Rätsel

Wie schon die früheren Filme gibt auch dieser drei wunderbaren jungen Darstellern Gelegenheit, sich neben einer stattlichen Riege britischer Profis zu beweisen: Tom Felton als Draco Malfoy, Emma Watson als Hermine Granger und Bonnie Wright als Ginny Weasley. Jetzt, im sechsten Jahr, hat Hermine ihre Liebe zu ihrem Mitschüler Ron erkannt, während Harry sich zu dessen Schwester hingezogen fühlt. Und doch gehen die Macher irre, wenn sie annehmen, das Thema Pubertät könnte den gesamten sechsten Teil tragen. Im Gegenteil, die Darstellung erster Annäherungsversuche geht einem hier ziemlich auf die Nerven: Schon im Buch loteten die Dialoge der verliebten Teenager die Grenzen des Erträglichen aus. Im Film jagt ein Klischee das andere, ständig wird übertrieben verlegen hin und her geguckt. Ron, der undankbare rotblonde Tollpatsch, stöhnt: "Diese Frauen, die schaffen mich." Als Erwachsener ist man heilfroh, aus dem Alter hinausgewachsen zu sein, in dem man so ungeschickt flirtete und solche Witze lustig fand.