Wie schreibt man über Geschichte, während sie passiert? "Kepler hatte davon geträumt, Jules Verne hat es uns ausgemalt. Der Mensch setzt seinen Fuß auf einen anderen Himmelskörper", schrieb im Juli 1969 Thomas von Randow, damals Wissenschaftsredakteur der ZEIT . "Hier wurde ein Exempel statuiert, wie eine utopisch anmutende Aufgabe zu lösen ist." Apollo 11 flog zu diesem Zeitpunkt in einer Umlaufbahn um den Mond.

Und bevor die nächste Ausgabe der Zeitung in Druck ging, war es bereits geschehen: "Der Adler ist gelandet", Neil Armstrong, "one small step", Sternenbanner – und die halbe Welt vor den Fernsehern. Viele, die es miterlebt haben, erinnern sich noch heute genau daran, wo sie damals waren. Und für alle, denen heute bei Moonwalk eher Michael Jackson als Neil Armstrong einfällt, wird dieser Tage auf Themenseiten und in Jubiläumssendungen jene Nacht vom 20. auf den 21. Juli rekapituliert, als ein Häufchen Ingenieure die Träume Keplers und Vernes in die Tat umsetzten.

Den obersten der Raketenbauer hatte von Randow eine Woche zuvor porträtiert, Wernher von Braun. "Der gebürtige Preuße wurde zum berühmtesten Amerikaner", hieß es über den deutschen Vater des US-Raketenprogramms; "Raumfahrt-Siegfried mit dem Ritterkreuz" in Anspielung auf dessen Vergangenheit im Rüstungsapparat des Naziregimes.

Space-Siegfried hat das offenbar nicht gestört. Drei Tage vor der ersten Mondlandung beschrieb er in der ZEIT bereits eine Zukunft der Raumfahrt, aus der die Mission von Apollo 11 nicht als einzigartiges, epochales Ereignis (und gleichzeitig als einsamer Höhepunkt) hervorstach, sondern vielmehr als Auftakt zu einem größeren Aufbruch ins All: "So soll es weitergehen." Der Nasa-Vordenker beschwor ein ständiges "Mondhaus" für monatelange Aufenthalte von Astronauten herauf, dazu ferngesteuerte Mondfahrzeuge, gar eine Raumstation im Erdorbit "von etwa einhundertachtzig Metern Länge… in der rund fünfzig Menschen Platz hätten" – und natürlich einen baldigen "Pendelverkehr" ins All.

Irgendwie Wirklichkeit geworden sind einige dieser Ideen inzwischen, etwa in Gestalt von Spaceshuttles, Mars-Rovern sowie der Raumstation ISS. Doch kam die Realität spät und spärlich daher, gemessen an den Träumen vor 40 Jahren.

Angesichts der Euphorie des historischen Moments ist es aus heutiger Sicht überraschend, wie damals die Zeitgenossen die Zäsur der Mondlandung schon problematisierten. Robert Jungk beschwor "die dunkle Seite des Mondes", nämlich die Verknüpfung des Großvorhabens Mondflug mit dem militärisch-industriellen Komplex. Thomas von Randow hingegen hoffte auf ein irdisches Spin-off, sprach von der "Hoffnung, dass auch die vielen gesellschaftlichen Probleme auf der Erde, die viel dringlicher sind, in konzertierten Großaktionen bewältigt werden können". Leider steht dieser Wunsch noch ebenso in den Sternen wie Wernher von Brauns "Mondhaus".