Das Schöne an den Selbstverständlichkeiten ist es, dass sie selbstverständlich sind. Selbstverständlich macht das Kind einen Diener, steht der Herr auf, wenn eine Dame den Raum betritt. Und selbstverständlich trägt ein Anwalt vor Gericht eine Robe. Was aber, wenn ein Anwalt die Robe nicht mehr tragen will? Dann bemerkt man, dass es gerade für das traditionelle Verhalten keine Gesetze gibt – und schon gar keine wasserdichten Begründungen.

Um solche Verlegenheiten nicht mehr aufkommen zu lassen, hat die Berliner Senatsverwaltung ausgerechnet zum 1. April dieses Jahres ihre "Allgemeine Verfügung über die Amtstracht der Berliner Rechtspflegeorgane" geändert und die Anwälte von der Pflicht befreit, vor Gericht eine Robe zu tragen.

Mit einer Verspätung von drei Monaten spricht sich der Traditionsbruch nun herum: Wie sollen künftig noch, zumindest im Bundesland Berlin, die absurden und doch so unterhaltsamen Prozesse über die Verletzung der Standespflicht geführt werden, weil wieder einmal ein Anwalt gegen den Dresscode verstoßen will? Immerhin hat Berlin, damals West-Berlin, auf diesem Gebiet schon Rechtsgeschichte geschrieben. Der zweite Prozess gegen den Polizisten (und Stasi-Agenten) Karl-Heinz Kurras kam 1970 erst im zweiten Anlauf in Gang, weil zuvor der Anwalt Horst Mahler (neben dem wie immer äußerst korrekt gekleideten Kollegen Otto Schily einer der Vertreter der Nebenklage) partout nicht in einer Robe auftreten wollte. Heute darf der zum Rechtsextremismus konvertierte Mahler selbst mit Robe nicht mehr als Anwalt agieren.

Dagegen wollte am Freitag der vorvorigen Woche der Berliner Medienanwalt Johannes Eisenberg, den man mit oder ohne Robe zu fürchten hat, unter Berufung auf die neue Berliner Rechtslage in Jeans und Freizeithemd vor der 17. Strafkammer des dortigen Landgerichts auftreten. Er wurde aber darauf hingewiesen, dass der Erlass des Justizsenators das eine ist, die Auffassung der Rechtsanwaltskammer (und des Gerichts) das andere. Und schon steht man im Zentrum eines komplexen rechtsdogmatischen Problems: Handelt es sich um ein Problem des Gerichtsverfassungsrechts (zuständig: Justizsenator) oder des anwaltlichen Standesrechts (zuständig: Kammer) – oder aber um ein Problem, in dem sich beide Sphären überschneiden?

Im Jahr 1970 hatte das Bundesverfassungsgericht unter Anstrengung seines vollen Scharfsinns und seiner gesammelten Ratlosigkeit die Robenpflicht als Ausfluss eines "vorkonstitutionellen Gewohnheitsrechts" definiert, ungefähr die schwächste Begründung für etwas gar nicht recht Begründetes; es hatte dazu auch auf das kaiserliche (also wirklich vor-vorkonstitutionelle) Recht längst untergegangener Länder wie Braunschweig und Schaumburg-Lippe zurückgegriffen, allerdings auch auf § 89 PrAGGVG; dabei handelt es sich um das ebenfalls untergegangene Preußische Ausführungsgesetz zum Deutschen Gerichtsverfassungsgesetz von 1878: "Das nationalsozialistische Regime brachte insoweit keine Änderung der Rechtslage" – ein schöner Beweis für eine ungebrochene Tradition!