Vor etwa zehn Jahren las ich das Buch Die innere Statue von François Jacob. Darin beschreibt der französische Biologe Tageswissenschaft und Nachtwissenschaft. Die Tageswissenschaft umfasst die Versuche im Labor, Auswertungen und Diskussionen. In der Nachtwissenschaft fantasieren Wissenschaftler über neue, wichtige Ideen. Ich glaube, dies ist der bedeutendste Teil unserer Arbeit.

Ich bin oft in Nachtwissenschaften verstrickt, meine Frau Denise würde sagen, zu oft. Die Gedanken kommen dann unkontrolliert, meistens wenn ich entspannt bin, schläfrig, aber nicht müde. Sie handeln von Grenzen, die ich überschreiten, und Wissenschaften, die ich zusammenbringen muss. Sie führen mich zu den elementarsten Veränderungen in meinem Leben.

Als junger Mann wollte ich Psychoanalytiker werden. Bald war ich jedoch mehr von der Biologie des Gehirns fasziniert. Zu meiner Überraschung machte mir die Arbeit im Labor Spaß. Wer aber hätte in den fünfziger Jahren voraussagen können, dass die Bedeutung der Psychoanalyse abnehmen und die der Neurobiologie gewinnen würde? Mein Wechsel zur Neurobiologie war ein Sprung ins Ungewisse, ein Vertrauensvorschuss an das Schicksal.

Später träumte ich von der Meeresschnecke Aplysia als Objekt für neue Versuche. Namhafte Kollegen rieten mir ab, ihnen schien eine Meeresschnecke zu weit vom Menschen entfernt. Doch die Aplysia, ausgestattet mit riesigen Nervenzellen, war perfekt. Mittlerweile können wir durch unsere Experimente biologisch erklären, was im menschlichen Hirn passiert, wenn eine kurzzeitige Erinnerung in das Langzeitgedächtnis übergeht. Das ist der Kern der Wissenschaft: mit reduziertesten Versuchsanordnungen die komplexesten Fragen zu beantworten.

Ich weiß heute, dass das Leben eine Reihe von Vertrauensvorschüssen ist. Wir müssen einen Sinn für richtige Entscheidungen entwickeln und bereit sein, unbekanntes Terrain zu betreten. Im Moment träume ich von Wien, der Stadt, in der ich geboren bin und aus der ich als Kind vertrieben wurde. Ich bin dort in diesem Jahr Ehrenbürger geworden, ein bittersüßer Moment. Ich träume davon, dass Österreich seine Vergangenheit aufarbeitet. Die Integrität und Offenheit, mit der Deutschland die Hitler-Zeit untersucht und eine Demokratie geformt hat, ist vorbildlich. Von solcher Transparenz ist in Österreich nichts zu spüren.