Der Osten hat wieder gesprochen. Ach was: Aufgebrüllt hat er und seinen dunkeldeutschen Ruf wehrhaft verteidigt. Laut einer Studie des (ostdeutschen) Sozialverbandes Volkssolidarität sind 41 Prozent der Ostvolksgenossen ausländerfeindlich, 42 Prozent unzufrieden mit der Demokratie. Nur jeder Vierte fühlt sich als "richtiger Bundesbürger". Gerade 11 Prozent erklären sich einverstanden mit der politischen Praxis. Gar nur 0,4 Prozent vertrauen Wahlversprechen.

1990, zur ersten gesamtdeutschen Ostwahl, waren es noch mehr. Da lautete das christdemokratische Wahlsiegversprechen: Im Himmel ist Jahrmarkt. Und der Große Gärtner Helmut Kohl gebot den ruinierten Brachen der DDR zu blühen. Sie weigerten sich. Seither bockt Neufünfland, ostalgiert, preist tückisch die DDR-Errungenschaften und wählt Die Linke (geb. SED). Oder schlimmer.

Liest dies noch wer? Man kann’s ja nicht mehr hören – weder die Westklischees noch die Ostproteste. Zweierlei wirkt an diesen Umfragen problematisch. Die Zahlen, wie suggestiv auch erfragt, mögen stimmen. Was missfällt, sind die triumphierende Kommentierung und der ermittelnde Blick.

Er giert nach böser Nachricht aus dem Osten. Er fixiert ein Volkskollektiv statt eine Bevölkerung, die vor zwei Jahrzehnten Freiheit errang und sich seitdem unablässig individualisiert. Lieber Westen: Den Osten gibt es so wenig wie die deutsche Einheit.

Was geschah denn 1990? Ein bankrottes Land, eine demoralisierte Gesellschaft schloss sich einem größeren, intakten Staatswesen an. Fortan war man Drittelland und Fünftelvolk, zu den Bedingungen der Mehrheit. Der Osten brauchte den Westen, nicht umgekehrt.