Gibt es Babylon überhaupt? Gibt es den Turm, in dem sich die Sprachen verwirrten, die Hängenden Gärten, in denen die von Heimweh geplagte Amytis wandelte, und den Palast, in dem Nebukadnezar zu Kreuze kroch, in dem eine Geisterhand Belsazar den Niedergang seines Reiches prophezeite und Alexander der Große dem Fieber erlag?

Die Hitze saugt, wie ein gigantischer Schwamm, alle Feuchtigkeit aus dem Land. In grobe Tücher gehüllte Frauen kratzen gebeugten Rückens Salz aus ausgedörrten Lachen. Eine gesprengte Brücke, Militärkolonnen. Zwei Stunden südlich von Bagdad gibt es an der Stadteinfahrt von Hilla 20 Minuten Aufenthalt. Aufgeregtes Stimmengescherbel aus Sprechfunkgeräten, der Polizeichef des Gouvernements muss sein Okay zur Weiterfahrt geben.

Wir biegen in eine Landstraße ein, vorbei an mittelalterlich anmutenden Ziegelbrennereien. Vermummte Arbeiter bewegen sich wie Schattenrisse vor dem gelborangefarbenen Schein der Brennöfen. Wir passieren Ruinen, die eher Steinhaufen als Resten antiker Bauten gleichen. Ein Gittertor, der Kontrollpunkt der Polizei zum Schutz archäologischer Stätten. Kurz danach halten wir vor dem Ischtar-Tor.

Was für ein Wunderwerk! Weiße und goldene Tierskulpturen und Mythenwesen auf einer blauen Ziegelwand, ein intarsienverziertes Inbild von Reichtum und Macht. Dem im 5. vorchristlichen Jahrhundert lebenden griechischen Chronisten Herodot zufolge war es eines von hundert Toren in einer 86 Kilometer langen Stadtmauer, die so hoch war wie ein Haus und so breit, dass darauf zwei Streitwagen nebeneinander herfahren konnten. Beim zweiten Hinsehen stellt man ernüchtert fest, dass es sich – beim Tor wie bei den Mauern – um vom Sonnenlicht verschossene Kopien handelt.

Auch Herodot ließ sich täuschen. Tatsächlich erstreckte sich die innere Stadtmauer nur über neun und der äußere Befestigungswall über 19 Kilometer. Aber die von Herodot beschriebene Breite stimmte. Damit war die Mauer immer noch eine gewaltige Befestigung einer gewaltigen Stadt, die vor 3700 Jahren 200000 Menschen beherbergte. Sie lag zu beiden Seiten des Euphrats. Eine breite Brücke führte damals über den großen Fluss.

Heute bin ich der einzige Besucher. Zwei Wächter sitzen im Schatten einer Platane. Ich werde in ein dunkles Büro komplimentiert. Nein, Babylon könne ich mir nicht ansehen, heißt es, dazu benötigte ich eine Sondergenehmigung des Staatsrates für Antiquitäten und Kulturerbe.

Dort, wo vor knapp 4000 Jahren der Palast des babylonischen Königs Nebukadnezar stand, ließ Saddam Hussein eine plumpe Rekonstruktion errichten © Reiner Luyken

Dabei hatte die Fremdenverkehrsbehörde des Gouvernements doch gerade bekannt gegeben, Babylon sei wieder für den Besucherverkehr geöffnet! Die Behörde habe hier nichts zu sagen, teilt man mir mit. Dann aber erscheint Herr Mohammed Tahir al-Shahk Hussein. Seiner auf gelbem Papier fotokopierten Visitenkarte ist zu entnehmen, dass er Archäologe genau jener Behörde ist, deren Besuchsgenehmigung mir fehlt. Er bietet an, mir die Ruinenstadt zu zeigen.

Seine Frau habe bis 2003 die Ausgrabungen des nördlichen Palastes geleitet, erzählt Herr Hussein. Er sei Direktor des örtlichen Museums gewesen, das Einheimische nach der Invasion komplett geplündert hätten und das seither geschlossen sei. Babylon ist sein Ein und Alles. Als wir auf der alten Stadtmauer stehen und über Wüstensand und Palmenwälder blicken, beschreibt er mit weit ausholenden Gesten Tempel, Straßenzüge und Wohnviertel, als sehe er sie noch immer vor sich.