Die Zahlen, die die Welt vergangene Woche vernehmen durfte, sind eindrucksvoll. Goldman Sachs: 3,4 Milliarden Dollar. JPMorgan Chase: 2,7 Milliarden Dollar. Bank of America: 3,2 Milliarden Dollar. CitiGroup: 4,3 Milliarden Dollar. Überraschend hoch sind die Gewinne, die diese Banken im zweiten Quartal 2009 erzielt haben. Weitere Kreditinstitute werden ihnen in den nächsten Wochen folgen und ebenfalls ihre jüngsten Geschäftszahlen bekannt geben, unter ihnen die Deutsche Bank. Jeder weitere Milliardengewinn, der dann vermeldet wird, dürfte die Debatte anheizen: Sie zocken wieder! Die Turbobanker! Nur wenige Monate nachdem sie die Welt an den Rand des Kollapses getrieben haben und nur durch den Steuerzahler gerettet werden konnten!

Die Zyniker haben Konjunktur. Das US-Musikmagazin Rolling Stone skizzierte Goldman Sachs kürzlich als Blutsauger, andere Kommentatoren lancieren spöttische Meldungen, denen zufolge die Bank kurz vor der Übernahme des US-Finanzministeriums stehe: "Sie drucken Geld. Genau wie wir!" Es herrscht ein diffuses Unbehagen darüber, dass die Exzesse sich wiederholen könnten und die Politik sich immer noch scheut, dem Treiben Einhalt zu gebieten.

Aber man muss differenzieren. Die Aufregung über die Milliardengewinne ist voreilig. Der Aufruhr darüber hingegen, wie die Banken ihre Gewinne verwenden – der ist berechtigt. Die Regierungen sollten die Sonderzahlungen, die viele Banken ihren Mitarbeitern gewähren, strikter reglementieren.

So spektakulär die Gewinnzahlen auch klingen, so wenig sagen sie darüber aus, ob die Banken bereits wieder "zocken". Die Bank of America und die CitiGroup wären ohne Spartenverkäufe und dadurch erzielte Milliardenerlöse tief in den roten Zahlen. Fast alle Banken profitieren von fehlendem Wettbewerb: Bear Stearns, Lehman Brothers oder Merrill Lynch sind vom Markt verschwunden – das treibt den Überlebenden neue Kunden zu und erlaubt höhere Gewinnmargen. Zudem hatten insbesondere Investmentbanker zuletzt schlicht viel zu tun: Unternehmen und Staaten benötigten ihre Hilfe, um über Anleihen Geld am Kapitalmarkt aufzunehmen, Wertpapiergeschäfte zu tätigen oder sich gegen Währungsschwankungen abzusichern. Zeiten der Unsicherheit sind immer auch Zeiten der Banken.

Über diese ökonomischen Faktoren hinaus gibt es auch staatliche Hilfen, die den Banken nutzen – sogar jenen, die formal bisher keine Stützung in Anspruch genommen haben. Ohne die Änderung von Bilanzierungsregeln würden die Abschreibungen aller Banken weit höher ausfallen. Die von den Notenbanken stark gesenkten Zinsen erlauben den Kreditinstituten, sich günstig zu refinanzieren. Bei mancher Rettung sind viele Milliarden an Banken weitergeflossen, so bei der Stützung des Versicherers AIG in den USA, der mit Steuergeldern Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten beglich. Und dann ist da die mehr oder minder offizielle Staatsgarantie, die alle Großbanken weltweit derzeit vor dem Untergang schützt und partiell waghalsiger agieren lässt, als es ohnehin schon der Fall ist.

Fast alles, was das Finanzsystem stabilisiert, hilft den Banken. Dieser Punkt ist entscheidend. Denn so sehr Kritiker die ökonomischen Gründe für die Gewinne der Banken ausblenden – so sehr missachten Banken die Bedeutung der staatlichen Rettungsmaßnahmen.

Wenn zum Beispiel Branchenprimus Goldman Sachs unzählige Milliarden zurücklegt, um sie Ende des Jahres an seine Mitarbeiter auszuschütten, privatisiert er einen Erfolg, der vor allem auf einer gesellschaftlichen Kraftanstrengung beruht. Der erzielte Gewinn wird mit Nonchalance individualisiert, sprich dem Einzelnen zugeschrieben. Als ob es das wirtschaftliche Umfeld, den staatlichen Rahmen, die Krise und die Rettungspakete nicht gäbe. 50 Prozent ihres Gewinns schütten Investmentbanken üblicherweise an ihre Mitarbeiter aus.