Die ZEIT: Mit Ihrer Theatertruppe "Tempus fugit" wollen Sie Jugendlichen helfen, sich über Jobwünsche und Ziele klar zu werden. Wie soll das funktionieren?

Karin Maßen: Ein Jahr vor Schulende veranstalten wir an Förder-, Haupt- und Realschulen sowie in der Mittelstufe an Gymnasien ein etwa dreistündiges Theaterprojekt. Ziel ist es, Jugendliche zu motivieren, ihre Zukunftsplanung selbst in die Hand zu nehmen, und ihnen dabei Mut zu machen. Im Stück mimen zehn junge Schauspieler Jugendliche, die vor wichtigen Entscheidungen stehen und nicht so recht wissen, was aus ihnen werden soll.

ZEIT: Klingt nicht gerade aufbauend.

Maßen: Zuerst einmal sollen sich die Schüler mit den Figuren auf der Bühne identifizieren können. Deshalb sind die Konflikte aus dem Schüleralltag genommen. Den Rahmen bildet eine Schulklasse. Dort gibt es etwa Fabian mit der Null-Bock-Einstellung, den schüchternen Martin, den alle hänseln, die hochnäsige Lisa oder Mona, die sich von Freund und Familie unterdrücken lässt. Im Stück kommt es letztendlich zum Zerwürfnis innerhalb der Klasse. Im Anschluss an das Stück sind die Zuschauer gefragt.

ZEIT: Inwiefern?

Maßen: In einem moderierten zweiten Teil können sie sagen, wo sie sich für die dargestellten Personen auf der Bühne Verhaltensänderungen gewünscht hätten oder was sie selbst anders machen würden. Die zugehörigen Szenen werden dann noch mal gespielt, und es wird versucht, die Veränderungen zu realisieren. Dabei betreten die Schüler selbst die Bühne und setzen ihre Änderungsvorschläge gleich aktiv um, indem sie eine Rolle übernehmen.

ZEIT: Was ist das Ziel des Ganzen?

Maßen: Für viele Schüler ist das eine Initialzündung, um aus dem eigenen Rollenmuster ausbrechen zu können: Einmal gestand ein Junge, dass er gerne Bankkaufmann werden würde. Weil er glaubte, ohnehin keine Lehrstelle zu bekommen, traute er sich nicht, sich zu bewerben. Eine ähnliche Szene gibt es im Stück. Der Junge ermunterte die Spielerfigur auf der Bühne, sich zu bewerben, die Ängste zu vergessen und sich mehr zuzutrauen. Dadurch ist bei ihm selbst auch eine Blockade gebrochen. Später habe ich erfahren, dass dieser Junge als Einziger unter 50 Bewerbern einen Ausbildungsplatz bekommen hat.

ZEIT: Ist das nicht nur ein Einzelfall?

Maßen: Nein! Bislang haben wir das Stück an 120 Schulen in Baden-Württemberg vor rund 8500 Jugendlichen aufgeführt. Nachbesprechungen in mehr als 150 Schulklassen im Abstand von etwa einem Monat, die Auswertung von 3500 Fragebögen und zusätzliche Nachbesuche an 50 Schulen ein Jahr nach der Aufführung ergaben: Die meisten sahen das Thema Berufsfindung nicht mehr nur als notwendiges Übel, sondern auch als Chance.