Wenn Achim Möller in diesem Sommer in Deutschland unterwegs ist, dann ärgert er sich oft: "Furchtbar langweilig" seien viele Plakate, "platt und peinlich" die Slogans der Parteien. Viel zu häufig würden Politikerinnen blasse Kostüme tragen statt einer mutigen Farbe. "Ich fasse mir ständig an den Kopf", sagt Möller empört. Einfach wegschauen kann der 60-Jährige aber auch nicht, Wahlkampf ist sein Beruf. Neue Trends, Kniffe der Gegner und selbst Fehler der Kollegen – genau das ist sein Fachwissen, das er selbstbewusst als "Wahlsiegberater" mit eigener Agentur anbietet.

Achim Möller gehört einer Branche an, deren Produkte im Superwahljahr 2009 allgegenwärtig sind: Für Bundestags- und Europawahl, fünf Landtags- und acht Kommunalwahlen brauchen die Parteien eingängige Slogans, bunte Veranstaltungen, kreative Filmclips und Websites. Hinzu kommen Berater, die die Kandidaten für Rede- und Fernsehauftritte trimmen. In den USA bilden Kampagnenmanager, Werber, Mediencoaches und sogar Stylisten mittlerweile eine eigene, milliardenschwere Wahlkampfbranche. In Deutschland wird mit jeder Bundestagswahl der Durchbruch solch eines Wirtschaftszweiges erhofft. Vielleicht, so bangt die angeschlagene Werbeindustrie, können die politischen Kampagnen sogar andere Einbrüche auffangen. Wird 2009 das Superwahlwerbejahr für die Branche?

Der Werbemarkt könnte einen Motor wie das Superwahljahr jedenfalls dringend gebrauchen. Als "überwiegend negativ" stuft der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) das Jahr 2008 ein: Die Investitionen in Werbung sanken im Vergleich zum Vorjahr um 0,5 Prozent. Für 2009 rechnen Agenturen sogar mit einem Einbruch um bis zu sieben Prozent, ergab eine Umfrage des Verbandes der Kommunikationsagenturen (GWA), selbst die Etablierten geraten ins Straucheln. Und der Jobmarkt leidet: Die Zahl der ausgeschriebenen Festanstellungen ging 2008 im Jahresvergleich um fünf Prozent zurück. Nur eine Sorte Mitarbeiter wurde von den Werbern stärker gesucht: Praktikanten. Hier schnellte die Zahl der Stellenangebote 2008 um 47 Prozent in die Höhe.

Doch dass das Wahljahr die Flaute in der Produktwerbung auffangen kann, bezweifeln Experten. In der Werbebranche hätten zwar Aufträge für politische Kampagnen in den vergangenen Jahren zugenommen, sagt ZAW-Sprecher Volker Nickel. Die meisten Etats schrieben jedoch Ministerien oder Verbände aus, die beispielsweise für die Gesundheitsreform werben. Wahlkampagnen seien kein zentraler Bereich. Als kontinuierliches Arbeitsfeld für eine Werbeagentur sei das schwer vorstellbar. Insgesamt liegen die Werbeinvestitionen in Deutschland jährlich bei rund 30 Milliarden Euro. Die Parteien geben 2009 "vielleicht 100 Millionen Euro für Wahlwerbung aus", schätzt Nickel. Das sei "höchstens ein Impülschen".

Wahlwerbung ist in Deutschland noch immer ein Nischenprodukt, sagen Experten. "Parteien sind notorisch klamm, Etats niedriger und hiesige Wahlkämpfe im internationalen Vergleich relativ kurz", sagt Marco Althaus, Kampagnenexperte und Professor für Politikmanagement an der Technischen Fachhochschule Wildau. Außerdem gebe es in Deutschland weniger Wahlämter als in den USA, wo selbst Sheriffs in ihrem Landkreis Stimmen sammeln müssen. Dennoch habe sich hierzulande "das Wahlkampfmanagement in den letzten zehn Jahren professionalisiert", sagt Althaus. Dazu zähle eine stärkere Zusammenarbeit mit Demoskopie-Instituten sowie mit externen Agenturen und Beratern. Von den rund 7000 hauptberuflichen, teils hoch bezahlten Wahlkampfmanagern, mit denen Experten in den USA rechnen, sei man aber noch weit entfernt.