Meine Eltern glaubten, das Fernsehen sei vom Teufel. Argumente ließen sich finden – bei Françoise Sagan zum Beispiel und ihrem Satz: "Das Fernsehen hat aus dem Kreis der Familie einen Halbkreis gemacht." Dazu sollte es bei uns nicht kommen. Es gab kein TV-Gerät. Deshalb lernte ich fernzusehen auf die Art, die am meisten Spaß macht: schuldhaft, mit schlechtem Gewissen, durch die Gardine der Nachbarn.

Doch wie schön war, was ich sah: Die Bezaubernde Jeannie vermittelte mir die Vorstellung, dass Frauen auch in Flaschen geliefert werden. Bonanza entfaltete den ganzen Charme einer Männergesellschaft, in der sich Frauen und Indianer durch Staubwolken am Horizont andeuten. Und wenn Flipper aus dem Wasser schnatterte, fiel immer jener Schlüsselsatz des kleinen Sandy, den man genauso gut beim Betrachten von Parlamentsdebatten einsetzen kann: "Ich glaube, er will uns etwas sagen!" Percy Stuart musste sagen "Gentlemen, ich werde mein Bestes tun", Martin Jente seinem Herrn Hans-Joachim Kulenkampff maliziös in den Mantel helfen und Margaret Rutherford die Pracht ihres Quadrupel-Kinns in den Dienst von Miss Marple stellen. Schöne, biedere, einfältige Welt, Welt der Befriedung und der Dekontamination.

Das war die Realität des Fernsehens, sein Traum war ein anderer: Dieses Medium würde Öffentlichkeit herstellen können, wie sie nie bestanden hatte. Es würde die Gemeinschaft der Zuschauer in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens einführen und eine Bühne werden, auf der sich die disparaten Gruppen der Gesellschaft reflektieren, verständigen und korrigieren könnten. Das Fernsehen werde in einem aufgeklärten Sinn Volksbildungsanstalt sein, nützen und unterhalten, allen gehören und von allen bezahlt werden.

Die ersten Meinungsumfragen, die in den fünfziger Jahren über dies Fernsehen gemacht wurden, ergaben, die Menschen befänden sich in einer Art "Verstehensillusion", politische Probleme erschienen ihnen nun leichter lösbar. Zugleich aber stritt die Gesellschaft, überzeugt, dass hier Formen massenhaften Denkens, Fühlens, Schauens und Genießens vorgebildet würden, vehement über das Fernsehfähige und Unzumutbare.

Wo man damals vom "Bildungsauftrag" des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sprach, verstand man Demokratie noch nicht als die Herrschaft der Mehrheit, sondern als den Schutz der Minderheit unter dem Protektorat der Mehrheit. Auch deshalb spielte die Einschaltquote eine geringere Rolle: Von Minderheiten erwartet man keine Mehrheitsquoten.

Aber soll man deshalb schon glauben, das Fernsehen besäße einen "Kulturauftrag"? Mission impossible. Die Fernbedienung ist ein Instrument der Abstimmung, und nichts Bleibendes entstand je in der Kultur, weil darüber abgestimmt worden wäre. Deshalb sind Museen, Schulbücher und Literaturkanons randvoll mit Quoten-Misserfolgen und Randproblemen. "Unsere Kulturfreunde", formulierte verräterisch der ehemalige ARD-Chef Struwe, werden von uns "besser bedient als unsere Basketballfreunde". Anders gesagt, man darf die Kultur weder Fernsehdirektoren noch Fernbedienungen überlassen. Kultur ist Überforderung, ist Konfrontation mit Nicht-Verstehen im Dienste der Mündigkeit, wenn nicht der "Empormenschlichung" (Musil).

Gewiss: Vor die Wahl gestellt, den Abend mit Faust oder mit Klum zu verbringen, entscheidet sich der Bildverbraucher lieber für das Belanglose. Eben!, triumphieren die Fernsehmacher, "höhere Ansprüche" sind elitär, der Mensch ist ein Klotz, und Kultur "funktioniert nicht" im Fernsehen. Was "funktioniert", sind Bauer samt Frau. Als Folge für solch selbstbewusste Barbarei liest sich der Rundfunkstaatsvertrag inzwischen wie eine Satire auf das Fernsehen, das er finanzieren und schützen helfen soll, und wenn es eine Medienpolitik gäbe – also eine Politik ohne Angst vor den Medien –, es hätte sich die reale Vielfalt der Außenwelt sogar ins Fernsehen retten lassen.