Hanim S. wohnt in einer kleinen Wohnung in Berlin-Kreuzberg. Das Telefon klingelt, ihr Sohn Ayhan ist dran. Er ist das siebte von neun Kindern, mit denen sie einst in einer großen Familienwohnung gelebt hat. Jetzt ist nur noch die jüngste Tochter da, sie ist die Einzige, die ihr nach der ganzen Sache geblieben ist. Ihr Mann ist vor zwei Jahren an Krebs gestorben, fünf Kinder sind geflüchtet und leben in der Türkei. Ein anderes versteckt sich in einer deutschen Kleinstadt, ihre älteste Tochter Hatun ist tot, Ayhan ruft aus der Jugendstrafanstalt an. Dort sitzt er für den Mord an seiner Schwester.

Die Mutter nimmt den Hörer ab. "Ayhan!", ruft sie und lächelt. Sie erzählt ihm von den Ereignissen der vergangenen Tage, sie lässt ihren Gefühlen freien Lauf, sie weint, sie lacht, und sie fragt ihn immer wieder um Rat. Nachdem sie den Hörer aufgelegt hat, sagt sie in der blumigen Sprache ihrer Heimat: "Mein Herz tut weh."

Im Gerichtsverfahren im September 2005 hat ihr Sohn Ayhan erklärt, er habe die Ordnung in der Familie wiederherstellen wollen, und seine Schwester Hatun habe dabei gestört. Deshalb hat er sie erschossen. Wenn es in der Familie S. allerdings je eine Ordnung gegeben hat, so ist jetzt, vier Jahre nach der Tat, nichts mehr von ihr übrig. Die Familie ist in alle Winde zerstreut. Der Mord an Hatun, der eigentlich die Ehre retten sollte, hat die Familie erst zerstört.

Die Mutter setzt sich auf den Teppich in ihrem Wohnzimmer und beginnt Obst in mundgerechte Stückchen zu schneiden, so als habe sie immer noch Kinder zu füttern. Die neue Sofagarnitur im Wohnzimmer habe Ayhan mitfinanziert, sagt sie. Dann zeigt sie stolz auf das Regal, das er im Gefängnis gebaut hat. Das Abitur soll er angeblich auch nachholen, und man schätze ihn im Knast. Ayhan sei Insassensprecher, erzählt die Mutter.

Es ist schon befremdend, wie die Frau diesen Mörder lobt. Die Mutter schaut mit flehenden Blicken um sich. "Ayhan bereut doch alles. Was soll ich tun?" Es ist, als wolle sie nicht wahrhaben, dass er nicht nur ihre Tochter, sondern die ganze Familie auf dem Gewissen hat. Dass er ihr Leben auf eine kleine, einsame Wohnung mit Sofa reduziert hat. Sie holt ein Foto ihrer toten Tochter aus dem Geldbeutel, küsst es und weint. "Ich trauere um sie, aber ich kann sie nicht lebendig machen." Das eine Kind kann sie nicht vergessen, das andere nicht verstoßen. Sonst hätte sie beide verloren. Alle drei Wochen geht sie ans Grab von Hatun und betet für die tote Tochter. Alle zwei Wochen darf sie zu Ayhan ins Gefängnis.

"Bereust du deine Sünden?", fragt er und schießt

Hanim S. wuchs in Erzurum auf, einer Provinz tief im Osten der Türkei, näher an Iran als an Europa. Seit 31 Jahren lebt sie in Berlin und trägt noch immer die langen, bunten Gewänder wie die Frauen in ihrem kurdischen Dorf. Auch in der Wohnung legt sie ihr Kopftuch nicht ab. Hanim S. hat nie eine Schule besucht, und es gibt nur ein Buch, das sie kennt, den Koran. Draußen vor der Tür liegt Deutschland, doch davon hat Hanim S. nie viel mitbekommen. Als ihr Mann noch lebte, durfte sie alleine nicht hinaus. Der Türspion war ihr Guckloch in diese Welt, einmal beobachtete sie aus ihrer damaligen Wohnung, wie ein ständig betrunkener Nachbar im Flur ohnmächtig wurde. Als sie am Abend ihrem Mann davon erzählt, nagelte er das Guckloch zu.

Der Mord an ihrer Tochter Hatun wühlte im Frühjahr 2005 ganz Deutschland auf. Eine junge, hübsche Türkin, auf offener Straße erschossen, von ihrem Bruder, der nicht wollte, dass sie lebt wie eine Deutsche. Der Mörder ist vorerst weggeschlossen, doch erledigt ist der Fall nicht. Denn wer aus der Familie wirklich welche Rolle beim Mord an Hatun gespielt hat, konnte das Landgericht Berlin nicht klären. Es verurteilte nur Ayhan und sprach die älteren Brüder Mutlu und Alpaslan am 13. April 2006 frei.

Der jüngste von fünf Brüdern hat den Vater ersetzt

Es gibt ein Foto von jenem Tag, das berühmt geworden ist. Nach den Freisprüchen warteten zwei Schwestern der Toten und ihres Mörders vor dem Gerichtsgebäude. Als die Brüder herauskamen, machten die Mädchen lachend das Victoryzeichen in die Kameras der Fotografen und Fernsehsender. Sie hofften, dass die Freisprüche die Familie wieder zusammenführen würden. Damals glaubten sie noch, dass der Rest der Familie den Mord unbeschadet überstehen könne. Keine Spur von Trauer über die tote Schwester. Eine ganze Familie lacht Deutschland aus, titelte die Bild- Zeitung am nächsten Morgen. Und es sind diese lachenden Mienen, die die Familie S. zur berüchtigsten Migrantenfamilie der Republik gemacht haben.

Der Bundesgerichtshof hat die beiden Freisprüche inzwischen aufgehoben, da er mit der Gewichtung der Beweise nicht zufrieden war, und es wurde erneut Haftbefehl gegen die beiden Brüder erlassen. Doch sie hatten Deutschland längst verlassen.

Die Tat selbst ist schnell aufgeklärt. Ayhan wird sechs Tage später verhaftet und wegen Mordes zu einer Jugendstrafe von etwas mehr als neun Jahren verurteilt. Den Ermittlungen der Polizei zufolge kam Ayhan gegen 20.15 Uhr zu seiner vier Jahre älteren Schwester Hatun zu Besuch, als die gerade ihren kleinen Sohn zu Bett brachte. Nach einer halben Stunde schon brach Ayhan wieder auf und bat seine Schwester, ihn noch zur Bushaltestelle vor dem Haus zu begleiten. Sie zündete sich eine Zigarette an und kam mit. In der Hand eine volle Kaffeetasse, denn sie wollte gleich wieder zurück in die Wohnung. Das Kind war allein.

Kurz vor der Haltestelle zog Ayhan plötzlich eine Pistole und fragte die Schwester: "Bereust du deine Sünden?" – "Ja", entfuhr es der erschrockenen Hatun, und sie bettelte: "Bitte, tu es nicht!" Aber da feuerte Ayhan schon aus nächster Nähe auf ihren Kopf. Hatun ließ die Kaffeetasse fallen und taumelte einige Schritte. Ayhan setzte ihr nach und schoss noch zwei Mal – wieder in den Kopf. Die Schwester brach zusammen. Ayhan beugte sich über sie, um zu sehen, ob sie wirklich tot war. Dann lief er davon.

Ayhan tötete seine Schwester, die gerade eine Ausbildung zur Elektroinstallateurin machte, weil sie aus der Wohnung der Eltern ausgezogen war und weil sie wechselnde Beziehungen hatte. Unter anderem zu einem Mann, der wegen Drogendelikten im Gefängnis gesessen hatte. Ihr Umgang mit "Dealern" habe ihn abgestoßen, hat Ayhan später zu seiner Rechtfertigung vorgebracht. Dass einer von Ayhans Brüdern gerade selbst wegen eines Drogendelikts im Gefängnis war, irritierte ihn dabei nicht weiter.

Ayhan und zwei seiner Brüder wurden verhaftet, weil seine Freundin der Polizei erzählte, er habe ihr gestanden, dass sie die Tat zu dritt geplant hatten. Der eine Bruder habe die Waffe besorgt und sich in seiner islamistischen Sekte von einem Geistlichen die Erlaubnis zur Tat geholt. Der andere Bruder habe in der Nähe des Tatorts auf Ayhan gewartet.