Im Kampf gegen neue Viren vollzieht sich immer wieder das gleiche Schauspiel: Erst betreten die Apokalyptiker, dann die Abwiegler die Medienbühne. Erstere beschwören die Grippekatastrophe von 1918. Letztere stellen genüsslich fest, dass doch die Vogelgrippe im Jahr 2006 lange nicht so schlimm gewütet habe, wie man befürchtete, und dass damals viel Geld umsonst in Medikamente gegen Grippeviren geflossen sei. Aus solchen Ex-post-Betrachtungen leiten die Nachträglich-Experten dann ab, dass auch zum Schutz gegen die aktuelle Amerikagrippe simples Händewaschen ausreiche.

Zwischen den panikmachenden und den beschwichtigenden Experten sitzt der verwirrte Bürger mit einem Kloß im Hals und der Frage: Bewegen wir uns nun in Sachen Schweinegrippe auf einen Abgrund zu – oder ist das alles Hysterie?

Wer darauf eine Antwort geben muss, sind die Verantwortlichen bei der Weltgesundheitsorganisation WHO, bei Bund und Ländern. Sie können sich nicht mit nachträglichen Betrachtungen beruhigen, sondern ringen mit der schwer vorhersehbaren Zukunft. Ihre salomonische Lösung: Wir stellen uns auf den Ernstfall ein und ordern Grippeimpfstoff – allerdings nur für das gefährdetste Drittel der Bevölkerung, für schwangere Frauen, Asthma- und Diabeteskranke und das Medizinpersonal.

Mit dieser jetzt getroffenen Entscheidung signalisieren die Bundesländer: Seht her, wir tun was! Aber wir sind nicht (wie die Niederländer oder die Schweizer) der Ansicht, dass es bereits notwendig ist, gewaltige Impfvorräte für jedermann anzulegen.

Nach dem derzeitigen Wissensstand ist das ein weiser Ratschluss. Das Schweinegrippevirus namens H1N1/09 ist zwar momentan wenig aggressiv, aber was es in kühler Witterung anrichten kann, ist derzeit auf der Südhalbkugel zu beobachten, wo Winter herrscht. In Argentinien hat H1N1/09 das Gesundheitssystem lahmgelegt. Bis zu zehn Prozent aller Grippepatienten (vor allem jüngere Menschen) müssen ins Krankenhaus, jeder Dritte davon landet auf der Intensivstation. Schon werden in Argentinien frühere Krankenschwestern reaktiviert, Medizinstudenten in Arztkittel gesteckt und nicht notwendige Operationen verlegt.

So könnte der Herbst auch in Deutschland aussehen. Sollte dieser Fall eintreten, wären jeder Schutz und jede halbwegs wirksame Behandlung hochwillkommen. Der aktuelle Impfstoff gegen H1N1/09 mag zwar schwer zu produzieren sein, verspricht aber zumindest eine Teilimmunität.

Und was, wenn sich hinterher herausstellt, dass alles nicht so schlimm war? Dann muss man die Investition in Impfserum und Medikamente als Versicherung begreifen. Auch beim Abschluss einer Hausratspolice ist schließlich jedermann froh, wenn es nicht zum Brand kommt.