Man muss es sich wohl mit der Theorie des Multiversums erklären. Offenbar sind die Physiker des Cern in eine Parallelwelt abgedriftet, in der das Unmögliche normal ist. Anders jedenfalls sind die Jubelmeldungen kaum zu verstehen, die das Europäische Laboratorium für Teilchenphysik in seinem jüngsten Jahresbericht verbreitet.

Auf 50 Hochglanzseiten eilt das Cern von einem Erfolg zum nächsten: Der weltgrößte Teilchenbeschleuniger, der Large Hadron Collider (LHC), glücklich gestartet! 1500 Gäste bei der offiziellen Eröffnung! Das Cern weltweit in den Medien! Ein "fantastischer Erfolg", jubelt der LHC-Projektleiter.

Dabei hatte wenige Tage nach dem Start im September 2008 ein Kurzschluss den LHC lahmgelegt. Teure Magnete wurden zerstört, durch ein Leck im Kühlsystem entwich eine Tonne suprafluides Helium. Seither wird fieberhaft repariert, das Datum für den Neustart immer weiter hinausgeschoben, zuletzt auf "Mitte November" – und die physikalische Gemeinschaft fragt sich bang, ob der Riesenring je laufen wird.

Doch die Cern-Broschüre verzwergt die Krise zum "Vorfall", der verbal schon gemeistert ist: "Nach dem Vorfall wurden Maßnahmen ergriffen, die Kompetenz und Entschlossenheit demonstrieren." Solche Wirklichkeitsverweigerung ist bisher eher von Politikern, Bankiers, Sowjets bekannt; von der Physikerelite darf man mehr Realitätssinn erwarten. Sonst könnte es im November ein böses Erwachen in der Parallelwelt geben. Ulrich Schnabel