Wer Hilde Domin auf einer ihrer Lesungen begegnete, wird die kleine, selbstbewusste, auch im hohen Alter noch quicklebendige Frau, wird ihre leichte, schnelle Stimme, die so eins war mit dem, was sie vortrug, nicht vergessen. Eine Person, die sich offenbar von nichts und niemandem einschüchtern lassen würde. "…meine Eltern (haben mich) mit dem Vertrauen versorgt, dem Urvertrauen, das unzerstörbar scheint und aus dem ich die Kraft des Dennoch nehme", schreibt sie dazu.

In eine gutbürgerliche Kölner Familie geboren, studiert Hilde Domin zunächst Jura, dann Nationalökonomie, Soziologie und Philosophie, auch in Heidelberg, wo sie den Archäologiestudenten Erwin Walter Palm kennenlernt. Mit ihm geht sie 1932 in sein Studienfeld, Rom. Ein Jahr später wird für die junge Frau aus einer jüdischen Familie Italien zum Exil. 1935 schließt sie ihr Studium ab, verzichtet jedoch auf eine wissenschaftliche Laufbahn, um ihren Mann als Mitarbeiterin zu unterstützen, gibt Sprachunterricht und arbeitet als Übersetzerin. 1939 wird auch im faschistischen Italien der Aufenthalt unmöglich, man schlägt sich nach England durch, dann wird 1940 die Dominikanische Republik zum dritten Asylland, 14 lange Jahre. Hier, in Santo Domingo, wird aus Hilde Palm die Dichterin Hilde Domin.

Diese Entwicklung einer Tochter aus gutem Hause und einer tüchtigen Ehefrau zur Dichterin wird nun erschlossen durch eine gut kommentierte Auswahl der Briefe an ihren Mann: Die Liebe im Exil. In ihren autobiografischen Aufzeichnungen nennt die Domin zwar den Tod der Mutter als Anstoß ihres lyrischen Schreibens; die Briefe zeigen jedoch, dass wohl eher eine Ehekrise, Gefühle von Heimatlosigkeit und Verlassenheit zur Flucht in den Schutz der Muttersprache nötigten. "Schreiben war Rettung", so die Aufzeichnungen. "Plötzlich hatte ich die Sprache, der ich so lange gedient hatte. Ich hatte Sprachen gewendet wie andere Kleider. Ich wusste, was ein Wort ist. Ich befreite mich durch Sprache. Hätte ich mich nicht befreit, ich lebte nicht mehr."

Die Sprache wird das "Unverlierbare, nachdem alles andere sich als verlierbar erwiesen hat. Die Sprache ist die äußerste Zuflucht."

Stimmt es, dass Erwin Walter Palm dieser Entwicklung nur ablehnend gegenüberstand, wie es uns die Biografie Dass ich sein kann, wie ich will von Marion Tauschwitz glauben machen will? In den Briefen jedenfalls finden wir eine hymnische Entgegnung Palms auf eines der ersten Gedichte seiner Frau: "Du verdienst einen Meisterkuss… Von jetzt an, Sternlein, die eigene Bahn! Ist dir klar, dass du damit wirklich ein anderes Lebens angefangen hast?" Nur Ablehnung? Der Briefband zeigt ein ausgewogeneres Bild.

Die Biografie hingegen rückt eine bis zur Hörigkeit dienstbare Ehefrau in den Mittelpunkt, die von einem bis zur Gewalttätigkeit eifersüchtigen Ehemann an der eigenen Entwicklung gehindert wird. Wer Gefallen findet an der posthumen Entblößung zweier so ungewöhnlicher Menschen, wird diese "Szenen einer Ehe" goutieren. Die Domin jedenfalls hat in dieser angeblich so beengenden Ehe ihre schönsten Gedichte geschrieben.

Nahezu naiv bezieht die Biografin Lebensdaten und Gedichtzeilen unmittelbar aufeinander, setzt lyrisches Ich und reale Person in eins; benutzt die Gedichte und mehr noch den Roman Das zweite Paradies wie Dokumente zum Tagesgeschehen, als habe eine ästhetische Umwandlung der Lebenserfahrungen nie stattgefunden. Im Vorwort zu dem Band Doppelinterpretationen schreibt die Domin doch selbst, dass ein Gedicht im Augenblick der Veröffentlichung befreit ist "vom Zufall der Entstehung". Diese Biografie jedoch degradiert das Werk Hilde Domins zur Datenbank.