Das Ergebnis bei den Männern war, wie es im Englischen heißt, nothing to write home about: Für Männer gab es keinen Unterschied zwischen Lust und ihrer offensichtlichen Manifestation, beides stimmte mit ihren jeweiligen Vorlieben überein, ansonsten tat sich nichts. Rätselhafter waren die Frauen: Sie zeigten bei allen Kopulationsszenen körperliche Anzeichen von Erregung, egal ob es sich dabei um Homo-, Hetero- oder Affensex handelte. Noch mysteriöser: Sie behaupteten, außer bei den Bildern, die mit ihrer sexuellen Orientierung übereinstimmten, keine Lust zu empfinden – obwohl die Instrumente mehr oder weniger stark ausschlugen. Entgegen der landläufigen Meinung, dass Frauen sensibler für die Signale ihres Körpers seien als Männer, gingen Gefühl und Körper weit auseinander.

War es möglich, dass die weiblichen Testpersonen einfach – zur Zurückhaltung erzogen – nicht fühlen wollten, was ihr Körper fühlte? Oder dass umgekehrt Männer ihre körperlichen Impulse bei Sexszenen, die ihrem Selbstbild widersprachen, unbewusst unterdrückten? Chivers stieß auf andere Studien, die anerzogene Hemmungen ausschlossen. Sie durchkämmte 130 weitere Untersuchungen, deren Ergebnisse sich prinzipiell mit ihrem Ergebnis deckten. "Es ist ein Muster, das sich seit einiger Zeit in unserem Fach wiederholt", sagt Chivers, die mit ihrer These in den vergangenen Monaten zur Pop-Wissenschaftlerin aufgestiegen ist: "Es gibt in der weiblichen Sexualität eine Dissoziation zwischen Gefühl und Körper."

Was will die Frau? Für die längste Zeit ging Sexforschung vom Mann aus, an dem sich die Frau dann messen lassen musste. Selbst etwas so Fundamentales wie der weibliche Orgasmus wurde lange nicht als solcher identifiziert. Seit den 1880er Jahren wurden Frauen, die unter Hysterie oder allgemeinen Verstimmungen litten, in Kurbädern und Krankenhäusern an Instrumente angeschlossen, die ihnen dieses gewisse Wohlbefinden bescherten, welches "hysterischer Paroxysmus" genannt wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts boten Anzeigen in Frauenjournalen in rührender Naivität elektrische Vibratoren zur Gesundheitsvorsorge an. Womit es schnell ein Ende hatte, als sich wenig später die Erkenntnis durchsetzte, dass der hysterische Paroxysmus offenbar ein O. war. Von dem man immerhin wusste, wie er zu erreichen war. An dieser Stelle hätten sich eigentlich alle entspannen können, da brütete Sigmund Freud schon über dem Problem, ob ein reifer Orgasmus überhaupt durch klitorale Stimulation ausgelöst werden dürfe oder ob er nicht, wie beim Mann, durch den Geschlechtsakt selbst ("vaginal") entstehen müsse. Erst mit den physiologischen Studien von Masters und Johnson in den sechziger Jahren, welche die Funktionsweise der Klitoris untersuchten, konnte sich die Technik weiblicher Lustgewinnung beim GV langsam von der des Mannes emanzipieren. In den nächsten dreißig Jahren wurde, vorangetrieben auch durch feministische Strömungen, deutlich, dass eine Frau, die beim Akt sich selbst ein wenig hilft oder helfen lässt, eigentlich gar kein Problem hat. Jedenfalls keines, welches sich nicht mithilfe einer Investition von zwanzig Mark in Lust auflösen ließe – die Vibratoren waren wieder zurück. Gleichzeitig breitete sich das Wort "faken" im deutschen Sprachraum aus: Es bedeutete, dass eine Frau, die es beim Sex nicht wagt, auf ihre Kosten zu kommen, schon wieder ein Problem hatte – diesmal ein partnerschaftliches. Denn das gleichberechtigte Paar diskutierte und berücksichtigte die Andersartigkeit des weiblichen Orgasmus selbstverständlich.

Was noch immer fehlte, war ein eigenständiges Modell für das, was dem Höhepunkt im Allgemeinen vorausgeht: das Verlangen. Das hing auch damit zusammen, dass die Durchblutungs- und Feuchtigkeitsgrade der Vagina kompliziert zu messen waren. Die Amsterdamer Psychologin Ellen Laan war eine der Ersten, die in den neunziger Jahren den Vaginal-Plethysmografen einsetzte, um objektive mit subjektiver Erregung zu vergleichen, bald darauf kamen Pfizers Viagra-Versuche. Und ein paar Schritte später standen Meredith Chivers und ihre Kollegen am Rande jenes Marianengrabens, der in der Topografie weiblichen Empfindens inzwischen als "the rift" bekannt ist.

Man kann sagen, dass sie bislang ratlos hinunterstarren. Warum reagieren Frauen körperlich auf Szenen, die sie gefühlsmäßig kaltlassen oder sogar abstoßen? Chivers kann im Moment nicht viel mehr als spekulieren. Nach einem evolutionsbiologischen Erklärungsmodell würde sich der weibliche Körper bereit machen, sobald sexuelle Signale auftauchen, um im Falle einer Vergewaltigung, für den größeren Teil der menschlichen Geschichte eine verbreitete Variante des Beischlafs, mit größerer Wahrscheinlichkeit davonzukommen. Die körperliche Reaktion, wie sie ein Vaginal-Plethysmograf misst, würde man dann statt als Erregung besser als eine passive Bereitwerdung bezeichnen – ein evolutionärer Rest, der das Überleben wahrscheinlicher machte. Eine naheliegendere Hypothese ist die, dass Frauen im Laufe ihres Lebens kein Gespür für ihre körperlichen Erregungssignale entwickeln – im Gegensatz zu Männern, die "nur an sich heruntergucken müssen, um zu sehen, was los ist", wie der Heidelberger Sexualtherapeut und -forscher Ulrich Clement sagt. "Eine andere Erklärung könnte sein, dass Männer eher werben und Frauen eher prüfen. Die Werber müssen allzeit bereit sein, deshalb werden Männer Ansätze von Erregung schneller orten, während bei Frauen noch eine Prüfschleife eingebaut ist."

Damit eine Frau diese Prüfschleife überwindet, ist irrelevant, was ihr Körper sagt. Es muss etwas im Kopf passieren. Was das genau sein könnte, dieser Frage stehen Sexualforscher so ratlos gegenüber wie ihre Kollegen vor hundert Jahren dem Orgasmus.

Bei Männern, wie sich in Chivers’ Versuchen abermals bestätigte, sind die Signale, die ihnen Lust auf Sex machen, so klar, dass man sie nicht mehr aufzählen muss. Während Frauen auf den Film eines sportlichen Mannes, der nackt den Strand entlangläuft, weder subjektiv noch objektiv mit gesteigerter Lust reagierten. Aber worauf dann? Macht? Besitz? IQ? Kantiges Kinn? Zuverlässigkeit? Humor?