Die Anhänger der Clans sind geradezu besessen davon, ihre Männlichkeit zu beweisen, und so wird die strenge Einhaltung dieses Sexualkodexes zu einer rituellen Demonstration ihrer Macht. Er gilt in fast allen Hoheitsgebieten der ’Ndrangheta, der Camorra ( Neapel ), der Mafia und der "Sacra corona unita" (Apulien) und ist fraglos mehr als das schlichte Indiz einer chauvinistischen Kultur. Kaum etwas macht deutlicher, wie allgegenwärtig die eisernen Regeln von Zugehörigkeit, Hierarchie, Macht und Territorialgewalt sind. Es ist eine Herrschaft über Leben und Tod, die auf Töten und Getötetwerden ruht – und wehe dem, der glaubt, er könne sich darüber hinwegsetzen.

Die Kontrolle des Geschlechtslebens spielt dabei eine fundamentale Rolle. Selbst beim Flirten markiert man sein Revier. Kommt man einer Frau näher, läuft man Gefahr, in feindliches Gebiet vorzudringen. 1994 wagte es Antonio Magliulo aus Casal di Principe, mit einem Mädchen anzubandeln, das mit einem Mann des Casalesi-Clans verschwägert und mit einem anderen Mitglied verlobt war. Magliulo überhäufte die junge Frau mit Geschenken, und da er offenbar ahnte, dass sie über den zukünftigen Gatten nicht überglücklich war, ließ er nicht locker: Pralinen am Valentinstag, eine Fuchsstola zu Weihnachten, an normalen Tagen passte er sie vor ihrem Arbeitsplatz ab.

Eines Sommertages bestellten ihn ein paar Männer des Casalesi-Clans zu einer Aussprache. Sie ließen ihn gar nicht erst zu Wort kommen, sondern zogen ihm einen mit Nägeln gespickten Knüppel über den Schädel, fesselten ihn und fingen an, ihm Sand in Mund und Nase zu stopfen. Je mehr er hinunterschluckte, um nach Luft zu schnappen, desto mehr würgten sie ihm rein. Schließlich betonierte ihm der Brei aus Sand und Speichel die Kehle zu, und er erstickte. Er wurde hingerichtet, weil er sich an ein Mädchen herangemacht hatte, das mit einem führenden Mitglied verwandt und bereits versprochen war.

Sieben Jahre lang muss eine Witwe enthaltsam bleiben

Flirten, sich treffen, eine Nacht miteinander verbringen bedeutet Stress, Risiko, Verantwortung. Valentino Galati war neunzehn, als er am 26. Dezember 2006 in Filadelfia, in der Provinz Vibo Valentia, verschwand. Valentino stand dem ’Ndrina genannten örtlichen Familienclan nahe. Er trat der ’Ndrangheta bei und arbeitete für den Boss Rocco Anello. Als dieser wegen organisierter Erpressung im Knast landet (beim Bau eines kleinen Gleisabschnittes hatte ihm jedes beteiligte Unternehmen 50 Euro pro Kilometer zahlen müssen), ist seine Frau Angela Bartucca verstärkt auf die Unterstützung durch die ’Ndrina angewiesen. Einkaufen, putzen, die Kinder zur Schule bringen. Valentino wird bevorzugt in Anspruch genommen.

Leise und fast selbstverständlich entwickelt sich zwischen den beiden eine Beziehung. Ihn zu bestrafen ist unumgänglich, und als er eines Tages wie vom Erdboden verschluckt ist, wundert sich niemand im Dorf. Er hatte eine Affäre mit der Frau des Bosses, also musste er mit dem Leben bezahlen. In den Zeitungen erschien Angela Bartucca als eine Art Femme fatale, deren Verführungskünste sogar die Angst vor dem Tod vergessen lassen. Eine Frau, deren Liebe einem Todesurteil gleichkommt. Doch danach sieht sie gar nicht aus. Ihr Bild zeigt ein nettes Mädchen, dessen einzige Schuld darin bestand, Spaß haben zu wollen.

Ist der Mann hinter Gittern, bedeutet das für die Mafiafrauen totale Enthaltsamkeit. Nur wenn ein älterer Boss mit einer jungen Frau verheiratet ist und eine lange Haftstrafe verbüßen muss, kann er ihr gestatten, sich eine Art Ersatzmann zu nehmen. Vorzugsweise ist dies der Dorfpfarrer oder, wenn der nicht verfügbar ist, ein Bruder, Cousin oder sonst irgendein Verwandter. Niemals ein Mitglied, das nicht blutsverwandt ist und dem die Beziehung womöglich derart zu Kopf steigt, dass er den Gatten von seinem Platz verdrängt.

Viele Frauen, selbst die ganz jungen, sind schwarz gekleidet, und das fast andauernd. Trauer um einen ermordeten Mann. Trauer um einen ermordeten Bruder, Neffen, Nachbarn. Trauer, weil der Mann einer Arbeitskollegin, der Sohn eines entfernten Verwandten umgebracht wurde. Und so gibt es immer einen Grund, Trauer anzulegen. Darunter trägt man Rot. Die alten Frauen trugen rote Mieder, um an das Blut zu gemahnen, das gerächt werden musste, die jungen tragen rote Dessous. Es ist die stetige Erinnerung an das Blut, das im Schmerz lebendig bleibt, und das Schwarz bringt die erschreckend intime Farbe der Rache noch stärker zum Leuchten.

Im Land des Verbrechens Witwe zu werden bedeutet, seine Identität als Frau fast gänzlich zu verlieren und nur noch als Mutter zu existieren. Möchte eine Witwe wieder heiraten, braucht sie dazu die Erlaubnis ihrer Söhne. Sie darf nur einen Mann ehelichen, der innerhalb der Mafiahierarchie mit dem Verstorbenen mindestens gleichauf ist, und das ohnehin erst nach sieben Jahren sexueller Enthaltsamkeit und strenger Einhaltung der Trauer. Die Witwenzeit entspricht der Dauer, die die Seele nach ländlichem Glauben für ihre Reise ins Jenseits braucht.