In diesem Regen sehen die Dinge nur noch bemitleidenswert aus, die flachen Häuser, die Autos und die wenigen Menschen draußen, unter durchsichtigen Pelerinen. Der Regen spült die rotgelbe Erde unter den Mais- und Tomatenpflanzen fort. Wenn er manchmal nachlässt, zieht eine kleine Wolke auf der Straße vorbei. Koreas bekanntester Schriftsteller Hwang Sok-Yong sieht sich das amüsiert an und erklärt, sein Land habe dank der Erderwärmung inzwischen ein subtropisches Klima, jedes Jahr heftiger, obwohl es, seiner geografischen Lage entsprechend, trockenere Sommer haben müsste. Herr Hwang arbeitet an diesem Monsuntag im Art Studio außerhalb von Goyang, wo man nicht mehr erkennt, ob dies noch Stadt oder schon Umgebung ist, während Goyang selbst, eine Millionen-Trabantensiedlung, zur Umgebung von Seoul zählt. Mit einem Stück Holzkohle hat Hwang soeben für die Kameras eines koreanischen TV-Senders die Stäbe eines Gefängnisfensters nachgezogen, auf einem deutschen Stück der Berliner Mauer, nachempfunden aus Styropor.

Das Goyang Art Studio ist Schauplatz eines Kunstprojektes, das vom Goethe-Institut für das Mauerfall-Jubiläumsjahr konzipiert wurde. Weitere Schauplätze dieser "Mauerreise" sind Jemen, Israel und Palästina, Mexiko, China sowie Zypern. Es sind Länder, in denen Trennung und Vermauerung Lebenswirklichkeit sind, weniger der Gegenstand einer Erinnerung an ein weltpolitisches Ereignis wie im fernen Mitteleuropa. Aber weil der Eiserne Vorhang in Deutschland aufging, ist die Berliner nun die Mutter aller Mauern – und wird verschickt in Gestalt makelloser Quader. In Korea arbeitet das Goethe-Institut mit dem Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst zusammen, das sonst im Art Studio einheimischen und ausländischen Künstlern Atelier- und Wohnraum bietet.

Hwangs Teilnahme an dem Projekt ist gleichsam zwingend, hat er doch den Mauerfall 1989/90 selbst in Berlin erlebt. Die anderen beiden sind bildende Künstler. Ahn Kyu-Chul, Jahrgang 1955, ist Bildhauer und Konzeptualist, arbeitet als Professor an einer Kunsthochschule und studierte in den achtziger Jahren in Stuttgart. Heute gehört er zu den wenigen koreanischen Künstlern, die ihre Arbeit ausdrücklich als politische verstehen. Suh Yong-Sun, 1951 geboren, wurde als Maler und Zeichner bekannt, vor allem durch seine eindringlich-farbigen, gegenständlichen Gemälde, die deutlich vom deutschen Expressionismus beeinflusst sind. In diesem Jahr wurde er zu Koreas Künstler des Jahres gewählt. Alle drei sind arriviert und gehören einer Generation an, für die die Teilung des eigenen Landes ästhetisch noch eine Rolle spielt. Das ist nicht selbstverständlich, denn auch in Korea orientiert sich der künstlerische Mainstream am internationalen Post-Pop. Und auch in Korea löst die Beschwörung des nationalen Trennungstraumas unter Kulturmenschen, zumal jüngeren, inzwischen Abwehr, wenn nicht Langeweile aus. Doch anders als in Deutschland, wo man sich über die Jahre bequem in der Teilungswirklichkeit einrichten konnte, ist Kim Jong Ils zündelndes Verzweiflungsregime für Südkorea immer noch unangenehm nah, in diesen Wochen sogar viel näher als noch vor ein paar Jahren.

Der nach Seoul reisende Deutsche fühlt sich in die Welt des Kalten Krieges zurückversetzt. Es ist der entschlossene, an eine nationale Gemeinschaftlichkeit appellierende Ton in den Leitartikeln der Zeitungen, ihre breite Berichterstattung über die militärische Einsatzbereitschaft der Armee, die Präsenz der GIs mitten in Seoul – all das ruft eine fast schon vergessene Welt der Blockkonfrontation wieder auf. Aber manches ist heute anders. Gerade startet eine Sondereinheit der nordkoreanischen Armee reihenweise Attacken auf südkoreanische und amerikanische Websites. Das trifft auch das zivile Leben. Nachts kommt der Blackout, und zentrale Server ruhen. Der Krieg (1950 bis 1953, 1,5 Millionen Tote) ist nicht beendet, formell ruht er nur. Die Krankheit des "Geliebten Führers" Kim Jong Il, die im Gange befindlichen Nachfolgekämpfe, die verzweifelte ökonomische Lage Nordkoreas, die Sanktionsdrohungen des Westens: Warum sollte der Krieg nicht wieder ausbrechen?

Südkorea ist heute eine moderne, globalisierte Industriegesellschaft mit guten Aussichten, die aktuelle Wirtschaftskrise ohne tiefe Einschnitte zu überstehen. Entsprechend ausgeprägt ist der Unwille, sich durch das beinahe schon vorweltlich anmutende Problem eines untergehenden kommunistischen Landes hysterisieren zu lassen. Und doch ist es auch das eigene Land. Die bedrohliche Gravitationskraft des Nordens verformt seit 50 Jahren Südkoreas Modernisierung, mal mehr, mal weniger, je nach Stand der Konfrontation. Das Land war in schärferer Weise Frontstaat als die Bundesrepublik. Anders als dort war Austausch mit dem kommunistischen Parallelland nie wirklich erwünscht. Noch immer regeln "Sicherheits-" und "Austauschgesetz" den Verkehr. Jede Reise in den Norden bedarf einer offiziellen Genehmigung. Jeder Reisende muss dazu persönlich im Vereinigungsministerium erscheinen, sich belehren und mit Verhaltensmaßregeln ausstatten lassen.

Einer, der das nicht tat, war Hwang Sok-Yong. Er fuhr 1989 unerlaubt zu einem Schriftstellerkongress nach Pjöngjang und blieb wochenlang. Den "Großen Führer" Kim Il Sung freute es. Die Regierung in Südkorea nicht. Danach ging Hwang sofort ins Exil nach Berlin, später weiter in die USA. 1993 kehrte er nach Seoul zurück. Er wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt. Und das, obwohl sein Land 1987 die Diktatur abgeschüttelt hatte und eine Demokratie geworden war. Fünf Jahre später kam Hwang wieder frei.

"Wir hatten gehofft, mit Obama werde zumindest der formelle Kriegszustand zwischen Nordkorea und den USA beendet", meint Hwang, "aber das sieht nicht so aus. Inzwischen haben beide Koreas Fehler gemacht. Der richtige Zeitpunkt für Gespräche ist verpasst worden. Das ist jetzt unsere Lage." Die Beschäftigung der koreanischen Künstler mit den Kunststoffquadern fällt sehr unterschiedlich aus. Der Schriftsteller hat sein Stück als ein Symbol des Gefangenseins bemalt, dann mit Zitaten aus seinem Roman Der ferne Garten (dt. 2000) beschriftet, sodass es nun wie eine sehr persönliche, melancholische Erinnerung an den Willen, das unerwartete Glück, aber auch die Unmöglichkeit einer Überschreitung von Grenzen wirkt.