Leider hat noch niemand untersucht, wie sehr der Ruhm der großartigen Münchner Kunstsammlungen unter der Unaussprechlichkeit ihrer Namen leidet. Der Zungenbrecherchampion noch vor den Pinakotheken dürfte die Glyptothek sein. Vielleicht hatte das ihr Gründer, der 30-jährige Kronprinz Ludwig, der den Namen aus dem griechischen glyptein für "in Stein schneiden" herleitete, aber auch beabsichtigt. Aus Seriositätsgründen sozusagen. Denn innerhalb seines Museums für antike Skulptur lauern ganz andere Unaussprechlichkeiten: nackte Leiber, deren drastisches Marmorfleisch bis heute die wenigsten Besucher ohne Kieksen oder bemühte Coolness aushalten können.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/​Bongarts/​Getty Images

Wer das Museum betritt, wo ihn schon vor der Kasse der zauberhafte Knabe mit der Gans empfängt, der wird unweigerlich von einer Skulptur in die westliche Raumflucht gelockt, gezogen, verführt – von jenem berüchtigten, 1810 aus der Sammlung Barberini erstandenen Faun. Wie soll man ihn noch beschreiben? Vielleicht mit einem Komparativ, den die deutsche Sprache verbietet: Nackter kann ein Mann nicht sein. Wie er sich rekelt, hingegossen, offen, das ist, Kunst hin oder her, reiner Porno.

Das hellenistische Meisterwerk ist freilich nur ein Dessertgang der Sammlung, die uns die Entwicklung der antiken Skulptur so konzentriert verfolgen lässt wie keine andere nördlich der Alpen. Ihr Bauherr, der im frühen 19. Jahrhundert glücklich aus neuen Funden und aufgelösten alten Kollektionen einkaufen konnte, wollte nur das Beste – "an Qualität soll sich meine Sammlung auszeichnen" –, und das mit Verstand: In der Blütezeit des Klassizismus interessierten Ludwig bereits die strengen Jünglinge der Archaik als Teil jener bildhauerischen Evolution, die seine vorbildlich aus der Privatschatulle bezahlte Glyptothek erfahrbar machen sollte.

Ludwigs späterer Leibbaumeister Leo von Klenze entwarf mit dem klassizistischen Bau das erste frei stehende öffentliche Museum. So ein Prestigewerk konnte nicht ohne Schlammschlacht der Gestaltungsauffassungen entstehen – die sich hier zu einem eigenen museologischen Kapitel auswuchsen. Zankapfel war vor allem Klenzes sündhaft opulente Innendekoration. Sein Gegenspieler, Ludwigs Chefeinkäufer Johann Martin Wagner, hatte 1816 im Sinne der hellen Marmorwerke für Räume in "licht-gelblicht grauer Farbe" plädiert, denn "alles Bunte und Glänzende thut den idealen Kunstwerken Schaden". Klenze jedoch hielt diese beiläufige Erfindung des white cube für "zynische Einfachheit" und gestaltete die Säle lieber mit "einer gewissen Pracht und kräftigen Betonung der Wände". Die fielen tatsächlich so knallbunt aus, dass Ludwig 1830 zunächst vermerkte: "Erster Besuch: ungeheurer Widerwille". Mehr als hundert Jahre später sollte man sich, nach schweren Kriegsschäden, für schmucklosen Wiederaufbau entscheiden, für herrlich lichte, hell geschlämmte Säle, die Wagner zu spätem Recht kämen ließen – hätte die Glyptothek nicht 2003 mit der Ausstellung Bunte Götter die ursprüngliche Farbigkeit ungeahnt grell rekonstruiert. So Versace-bunt war die hautenge Lederkluft des äginetischen Bogenschützen, dass man wohl nicht ganz sicher sein kann, ob das letzte Wort über die Farbe in der Glyptothek schon gesprochen ist.

So reicht die Antike bis zu uns heran. Wer freilich das Gewese um ihre Kunst nie so recht begreifen wollte, kann sich in der Glyptothek ganz voraussetzungslos überwältigen lassen: von ihrer Erotik, ihrer spröden Archaik und den magisch zwischen Stein und Leben schwebenden Torsi der Klassik. Von den grotesken Toupets der Römerinnen oder von jenem spätrömischen Porträt, aus dessen Mandelaugen uns schon die Ikonen des Mittelalters anblicken.

Das Zischen im Saal der Sphinx übrigens kommt nicht etwa aus ihrem tierischen Rachen, sondern aus den Espressomaschinen des beliebten Cafés. Zusammen mit dem Kuchenlöffelgeklapper ergibt sich eine authentische südländische Lärmkulisse, die freilich die ruhige Betrachtung des Ägineten-Giebels, eines atemberaubenden Tanzes von Waden, Gliedern und Körperfragmenten, unmöglich macht. König Ludwig hätte die richtigen Worte dafür gefunden.