In letzter Zeit glaubt man manchmal, falsch verbunden zu sein, wenn man mit Bayreuth zu tun hat. Ist das noch der Grüne Hügel, den man schon so lange kennt? Wie sich der Ton dort oben geändert hat! Diese plötzliche Offenheit, diese selbstverständliche Kooperationsbereitschaft mit den Medien, diese umstandslos gewährten Einblicke in die künstlerische Arbeit und ins Privatleben der neuen Leiterinnen! Früher war das anders. Da war das Bayreuther Festspielhaus eine Burg mit eingeholten Zugbrücken. Nichts von dem, was im heiligen Richard-Wagner-Bezirk vor sich ging, sollte nach außen dringen.

Wer sich mit einer kritischen Frage näherte, galt als verdächtig. Konkrete Informationen über das Innenleben erfuhr man nur im Flüsterton, von anonymen Quellen zugeraunt. Aber jetzt stehen alle Türen offen. Der gleiche Pressesprecher, Peter Emmerich, der einem vor zwei Jahren noch die dicksten Bären aufband, um mit der Wahrheit über die chaotischen Verhältnisse nicht herausrücken zu müssen, ruft fröhlich schallend "Ja!", wenn man ihn fragt, ob es eine neue Festspielstrategie für den Umgang mit der Öffentlichkeit gebe. Transparenz sei nun die Devise.

Es soll also tatsächlich eine neue Ära bei den Richard-Wagner-Festspielen anbrechen, dem berühmtesten Festival der Welt, das von jeher viel mehr bietet als Opern in einer sommerlich fränkischen Idylle: In Bayreuth wird Jahr für Jahr die Welterlösung in Musikdramenform verhandelt, mindestens. Und wie an keinem anderen Kunstort spiegeln sich seit der Gründung im Jahr 1875 die Stimmungslagen des deutschen Zeitgeistes. Die Wagner-Welt seufzte im vergangenen September erleichtert auf, als Richards Enkel Wolfgang nach jahrelangem Familiengezerre die Festspielleitung abgab und sich mit 89 Jahren endlich zurückzog. Seine Töchter, die Halbschwestern Katharina (31) und Eva (64), haben die Nachfolge angetreten, die Intendantenverträge sind bis 2015 unterschrieben. Aber was genau ändert sich nun am Grünen Hügel?

Ein Blick auf den Spielplan legt den Schluss nahe: Alles bleibt beim Alten. Die bewährten Stücke gehen im bewährten Reigen zu den bewährten Aufführungszeiten über die Bühne. Nicht einmal eine Neuinszenierung steht in diesem Jahr auf dem Programm. Es scheint, als würden nur Nebenschauplätze renoviert: Oben im Festspielbezirk wird eine neue Probenbühne gebaut, und unten im Park werden an den Arno-Breker-Büsten von Richard und Cosima entgiftende Hinweisschilder angebracht. Es gibt erstmals inszenierungsbezogene Einführungsvorträge und ein Wagner-Projekt für Kinder (das die im Kampf um die Nachfolge ausgebootete Nike Wagner mit der bissigen Bemerkung kommentierte, den Grünen Hügel könne man sich nicht erkrabbeln). Der Internetauftritt ist moderner geworden, und wie schon im vergangenen Jahr wird eine Festspielvorstellung als Public-Viewing-Event auf den Bayreuther Festplatz übertragen. Darüber hinaus versichern die beiden Intendantinnen, dass sie in all ihren künstlerischen Absichten ein Herz und eine Seele sind.

Und das soll dann schon alles gewesen sein? Wer so fragt, hat die Festivalzukunft noch nicht verstanden, der nun auch die Bayreuther Festspiele entgegeneilen. In ihr ist das kulturindustrielle Drumherum mindestens genauso wichtig wie die Kunst, die Marketingmaßnahmen, die Sponsorenbetreuung, die mediale Verwertung. Mitte Juni hat der Freistaat Bayern das neue Bayreuth offiziell in seiner Berliner Landesvertretung präsentiert und extra viele Flachbildfernseher aufgehängt, auf denen die Schönheit des Grünen Hügels in Videozuspielungen zu sehen war – ein herrliches Teletubbieland der Hochkultur. Ein Blechbläserensemble spielte von der Empore die Einzugsmusik der Gäste aus dem zweiten Tannhäuser-Akt, als Katharina Wagner, flankiert von den zuständigen Ministern aus Bund und Land, zum Podium schritt. Man entnahm der Präsentation, dass "die Marke Bayreuth" unbedingt gestärkt werden muss und deshalb "die Außendarstellung" jetzt besonders wichtig ist. "Für die Öffnung gegenüber neuen Publikumsschichten ist der Festspiel-Podcast, der es zwischenzeitlich auf Platz eins bei iTunes geschafft hat, ein gutes Zeichen."  

Bayern hat sich die Wagner-Festspiele endgültig unterworfen

Zu solchen Essentials wurden Leberkäse, Brezeln und Weißbier gereicht und ganz viel weiß-blaue Zuneigung: Die Richard-Wagner-Festspiele sind jetzt mehr denn je eine bayerische Veranstaltung. Bislang hatte Wolfgang Wagner mit seinem Vertrag auf Lebenszeit immer noch darauf pochen können, dass das Festival zwar öffentliche Subventionen erhält, aber als Familienbetrieb geführt wird. Nun sind das Land Bayern, der Bund, die Stadt Bayreuth und die Gesellschaft der Festspielfreunde auch offiziell die Gesellschafter, die einen Intendanten auf Zeit wählen. Und weil vor allem der Freistaat Bayern die Geschäfte führt, darf er jetzt noch ein bisschen mehr repräsentieren. Die Festspiele, so kann man die Botschaft der Berliner Veranstaltung zusammenfassen, sind endgültig ein Werbeträger bayerischer Kultur und Lebensart. Sie ziehen gleich mit Schloss Neuschwanstein, Franz Beckenbauer und dem Oktoberfest. Richard Wagners Festspielidee sah ursprünglich einmal anders aus.

Viel unberechenbarer als die Interessen der Kulturpolitiker ist Katharina Wagner, die Jungintendantin und Hoffnungsträgerin eines neuen Bayreuths. Schwer ist zu deuten, was sie treibt, ob sie, unermüdlich ackernd, nur das Familienjoch schultert, oder ob die unbändige Lust am Voranbringen und Selbermachen sie trägt. Ihre Co-Intendantenschwester Eva Wagner-Pasquier jedenfalls überlässt ihr alle öffentlichen Auftritte und hält sich bis zur Selbstverleugnung als Organisatorin im Hintergrund. Nicht einmal beim Staatstermin in Berlin tauchte Eva auf, obwohl ihr Erscheinen in der Einladung angekündigt war. Katharina muss es richten. Wie ein kaum zu ortendes Irrlicht huscht sie über den Grünen Hügel.

Die heilige Elisabeth rastet in der Wartburg regelrecht aus

Einerseits ist das, was sie zur Zukunft der Festspiele sagt, erschütternd unintellektuell und frei von Visionen, andererseits hat sie maßgeblich an den Besetzungen der kommenden Neuproduktionen mitgewirkt, die durchaus künstlerischen Mut erkennen lassen: Im nächsten Jahr bringt Hans Neuenfels gemeinsam mit dem Dirigenten Andris Nelsons einen neuen Lohengrin auf die Bühne. 2011 inszeniert Sebastian Baumgarten Tannhäuser mit Thomas Hengelbrock am Pult. 2012 kommt Christian Thielemanns Holländer in einer Inszenierung des Theaterregisseurs Sebastian Nübling. Nur beim Ring des Nibelungen im Jubiläumsjahr 2013 steht der Regisseur noch nicht fest, dirigieren soll ihn Kyrill Petrenko.

Katharina Wagner ist jung und unbefangen genug, um glaubwürdig in ihrer Ankündigung zu wirken, die Nazivergangenheit von Familie und Festspielen endlich umfassend aufarbeiten zu lassen. Ein unabhängiges Team aus Historikern und Musikwissenschaftlern, dem dann alle Schubladen und Archive im Festspielhaus offenstehen, soll mit der Aufgabe betraut werden und 2013 erste Ergebnisse vorlegen. Aber bevor das ehrenwerte Projekt gestartet wurde, droht es schon wieder in fränkischer Kleinkrämerei zu versacken. Die Finanzierung stehe noch nicht, heißt es. Man suche noch nach Geldgebern, die Festspiele könnten nur den laufenden Betrieb und keine historischen Forschungen bezahlen. Ähnliches gilt für die großspurig angekündigte Akademiegründung für Wagner-Sängernachwuchs: Sie sei vorerst nicht zu bezahlen. Auch der ursprüngliche Wunsch, den Dirigenten Christian Thielemann in die künstlerische Leitung der Festspiele einzubeziehen, scheint nicht mehr ganz so dringlich zu sein. Einen Vertrag hat er bislang nicht.

Ist Katharina also auch nur "ein Striese ihres Ahnen", als den die Kusine Nike ihren Vater bezeichnete? Als Intendantin verwaltet sie artig das Althergebrachte, gibt die hemdsärmelig pragmatische Macherin, verkämpft sich im Klein-Klein eines anstrengenden mittelständischen Betriebs. Aber als Regisseurin gibt sie immer wieder die trotzig gegen alle Konventionen Aufbegehrende. Man muss nur die Frauenfiguren gesehen haben, die sie vor zwei Wochen im Opernhaus von Gran Canaria auf die Bühne gestellt hat, als sie mitten im größten Festspielvorbereitungstrubel (inklusive Streiktrubel) einen neuen Tannhäuser inszenierte: Ihre heilige Elisabeth rastet in der Sängerhalle der Wartburg regelrecht aus. Einen Stuhl schlägt sie kurz und klein in ihrer Auftrittsarie im zweiten Aufzug: "Dich, teure Halle, grüß ich wieder!" Die festlichen Wimpel reißt sie von der Wand, den Pokal- und Ehrungsplunder lässt sie in Flammen aufgehen, weil sie ihr fremdbestimmtes, uneigentliches Leben satt hat und nicht länger die Trophäe in einer verknöcherten Männerwelt sein will. Die hochmögenden Wartburg-Sänger sind geklonte Trash-Heinos, die in keiner Weise ernst zu nehmen sind. Auch ihre Venus ist eine überstarke Frau mit wütendem Selbstbehauptungswillen. Keine verführerische Sexschlange, sondern eine Revolutionärin mit streng zurückgekämmtem blondem Haar, schwarzen Stiefeln und einem Revolver am Gürtel. Sie kämpft für mehr als freie Liebe. Mit einem Benzinkanister versucht sie sich und ihr umstürzlerisches Hauptquartier in Flammen aufgehen zu lassen, als Heinrich Tannhäuser nicht mehr bereit ist, an ihrer Seite zu kämpfen.

Man kann gar nicht anders, als solche drastischen (und stets auch ein bisschen halbstarken) Figurenentwürfe auf die Regisseurin und ihre Rolle bei den Festspielen zu beziehen, dafür ist die Metaphorik – wie in ihrer Bayreuther Meistersinger-Inszenierung – einfach zu naheliegend. Schlummert eine wutschnaubend aufbegehrende Elisabeth in Katharina Wagner? Würde die aufwachen, müssten sich die Politiker ernstlich Sorgen um ihr neues schönes Bayreuth machen.

Unsere Abbildung aus: Katharina Wagner/Enrico Nawrath: "Bayreuth backstage. Innenansichten vom Grünen Hügel" (Schott Music, Mainz 2009)

Die diesjährigen Wagner-Festspiele finden vom 25. Juli bis zum 28. August in Bayreuth statt.