Man fragt sich, ob der sich jetzt verstellt oder nicht. Ob der einfach so ist, ziemlich durcheinander, oder eben gerade nicht, und dann wäre es gut gespielt. Der Zweifel rührt zunächst mal von der Stimme her, die kommt dem Musiker und Schauspieler Lars Rudolph seltsam zweigeteilt aus dem Mund, sie hat einen hellen Oberton und ein beruhigendes Bassfundament. Die Höhen aber dominieren, sie geben dieser Stimme etwas Kindliches, Verträumtes. Weil das überhaupt nicht männlich klingt, verleiht diese Stimme dem Mann jedoch auch: etwas Wirres, Tragisches.

Und deshalb fragt man sich, während man Lars Rudolph als Sänger und Trompeter mit seiner Band Mariahilff ein Konzert im Volksbühnen-Prater in Berlin spielen sieht: Ist der Mann am Ende vielleicht genauso wie seine Stimme, bisschen wirr, bisschen tragisch? Öfter verpasst er nach einer Gesangspassage knapp seinen Trompeteneinsatz, die vier Mitmusiker an den zwei Mandolinen, der Akustikgitarre und dem Bass sind immer schon weiter, doch Rudolph jagt ihnen hinterher, holt sie ein. Umso überraschender, wie klar sein Ton ist, wie leichthändig sein Spiel. Hätte man ihm so nicht zugetraut.

Er hat, erzählt Lars Rudolph ein paar Tage später beim Treffen in Kreuzberg, mit seiner Trompete mal einen Mann getötet. Na ja, sagt er, nicht direkt umgebracht, es war im Theater, lange her, Rudolph war damals noch gar kein Schauspieler, bloß ein junger Mann mit einem Nebenjob als Theatermusiker und einem abgebrochenen Musiklehrerstudium. Jedenfalls: Die Regie sah eine Trompetenfanfare vor, und im Zuschauerraum erschrak darüber ein Mann so sehr, dass er einen Herzinfarkt erlitt. Der Mann starb noch im Foyer. Rudolphs Mitspieler hielten fortan jedes Mal den Atem an, wenn seine Fanfare dran war. "Theaterleute sind doch recht abergläubisch", sagt Rudolph und lacht. Verstellt er sich nun wieder oder nicht?

Man weiß es nicht, und vielleicht ist das schon der wesentliche Teil des Geheimnisses von Lars Rudolph: dass man diesem Mann, 42 Jahre alt, hagere Gestalt, tiefblaue Augen, markant vorgeschobener Unterkiefer, einerseits vieles nicht zutraut – und andererseits dann wieder alles. Er kann sich halt unglaublich gut verstecken, obwohl er so sichtbar und unüberhörbar ist. Fragt man Leute, ob ihnen der Name Lars Rudolph etwas sagt, kennt ihn fast niemand. Zeigt man ihnen ein Bild, kennt ihn fast jeder. Ach, der. Schon mal gesehen. In irgendeinem Film, vergessen, in welchem.

In 60 Filmen, zählt man die Fernsehsachen mit, hat Rudolph in nur 15 Jahren mitgespielt. Lola rennt war der bekannteste Film; an Luther, Der Krieger und die Kaiserin und Die Unberührbare erinnert man sich auch noch, aber dass Lars Rudolph dabei war? Er hatte halt wenig Hauptrollen. Doch 60 Filme: unfassbare Zahl. Dazu kommen noch die Theaterrollen, etwa bei Castorff, Marthaler, Schlingensief, und Rudolph hat daneben immer auch in Bands gespielt und Hörspiele eingesprochen. Trotz seiner buchstäblichen Präsenz hat er es bis heute geschafft, nicht berühmt zu werden. Womöglich liegt es daran, dass er zu viele Talente hat, als dass sich eines durchsetzen könnte. Tatsächlich muss man seine Halbbekanntheit, sein ewiges Danebenstehen aber als eigene Kunstform verstehen: Weil ihn niemand als Helden besetzen will, hat Lars Rudolph die Freiheit, tun und lassen zu können, was er will. Und das macht er dann auch mit aller Konsequenz.

So wie in der Musik von Mariahilff, deren erstes, selbst betiteltes Album gerade erschienen ist. Die Besetzung allein ist schon verwegen, nur Saiteninstrumente und dazu eben Rudolphs Trompete und seine Stimme. Die Band spielt eine wilde Mischung aus Stilen, Genres, Zitaten; so vieles, eigentlich viel zu vieles klingt an, Folklore vor allem, mal glaubt man sizilianisches Volkslied herauszuhören, mal etwas undefinierbar Osteuropäisches, dann schon wieder Tango, aber da sind auch Verweise auf Brecht und Weill, da ist ein ganz merkwürdiger Schmiss in diesen Liedern, etwas fast Verschunkeltes, sonderbar Heimeliges, Sehnsüchtiges, Altmodisches. Musik, die gleichzeitig im Kaffeehaus und in der Hafenkneipe denkbar wäre. Auch wegen Rudolphs großartig sonderbaren Texte über Vampire, Engel und Matrosen. "Die blödsinnige Helligkeit der Sonne am Morgen", so eine Wendung zeigt: Lars Rudolph ist manchmal auch irre lustig.