Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!", rief einst der Berliner Bürgermeister Ernst Reuter, als während der Blockade der Stadt durch die Sowjets der Sozialismus drohte. "Völker der Welt, schaut auf die Berliner S-Bahn", heißt es heute, "der Sozialismus ist da!" Denn am Montag dieser Woche hat mit der Stilllegung der Stadtbahn, der Ost-West-Achse Berlins, eine Mangelwirtschaft bei der S-Bahn Einzug gehalten, die es mit jedem real existierenden Sozialismus aufnehmen kann. Und zwar ganz ohne Marx und Engels, sondern mit Rezepten aus dem real existierenden Kapitalismus: durch rigorosen Sparkurs und gnadenlosen Stellenabbau.

Allein in den Jahren 2006 bis 2008 hat die S-Bahn von 3766 Stellen 881 abgebaut – 324 davon in den jetzt dringend benötigten Werkstätten. Parallel dazu hat sie im Jahr 2007 der Eigentümerin Deutsche Bahn AG 34 Millionen Euro Gewinn für den geplanten Börsengang überwiesen.

Begonnen hat alles mit einem Menetekel. Am 1. Mai (Tag der Arbeit!) brach im Berliner Stadtteil Kaulsdorf bei einer S-Bahn der Baureihe 481 ein Rad. Der Zug entgleiste, und das Eisenbahnbundesamt, das von Bonn aus die Sicherheit auf den Schienen überwacht, ordnete daraufhin häufigere Überprüfungen der Räder und Achsen an.

Aber bei der S-Bahn Berlin GmbH hatte man mehr den Gewinn als die Sicherheit der Züge im Auge. Kaum zu fassen, aber wahr: Bei einer Überprüfung am 29. Juni stellte das Bundesamt fest, dass die S-Bahn der Anordnung nur "ungenügend" nachgekommen sei. Daraufhin riss den Beamten in der Aufsichtsbehörde der Geduldsfaden. Sie ordneten die sofortige Stilllegung aller nicht vorschriftsmäßig gewarteten Züge an. Seither überschlagen sich die Ereignisse.

Die Deutsche Bahn AG feuerte am 2. Juli die komplette S-Bahn-Geschäftsführung, der Regierende Bürgermeister Wowereit traf sich mit Bahnchef Grube, ein Notfahrplan folgte auf den nächsten. Seit dem Anfang dieser Woche nun stehen von 650 Zwei-Waggon-Einheiten nur noch magere 167 zur Verfügung. Alle anderen verstopfen bis auf die letzten Meter die Abstellgleise.

Was für ein Glück, dass die Berliner gerade anderweitig auf Achse sind. Die Ferienzeit verhindert, dass allzu viele Hauptstadtbürger den öffentlichen Nahverkehr in Anspruch nehmen. Selbst die Straßen sind nach Ausrufung des real existierenden S-Bahn-Mangelbetriebs bisher relativ frei geblieben. Nur die zusätzlichen Regionalzüge, die aus ganz Deutschland samt Lokführer für das notleidende Berlin angefordert wurden, sind unpünktlich und proppenvoll.

Was sagt die Kundschaft? Dirk Schröter, der am Montagnachmittag auf dem Fernbahnsteig des Bahnhofs Friedrichstraße auf seinen Zug wartet, meint, dass die Berliner beim Lokführerstreik 2007 bereits für das Chaos auf den Schienen trainiert worden seien. Das sei damals härter gewesen, denn "das war im Herbst und Winter, da hatte man in der Kälte warten müssen".